Atomic Blonde

Atomic-Blonde

Vorwort

Vor einigen Monaten wurde der erste Trailer für Atomic Blonde online gestellt, und in diesem Trailer wurde ein relativ langer Auszug einer Kampfsequenz in einem Treppenhaus zwischen Charlize Theron und einigen russischen Schergen gezeigt. Mein erster Gedanke war, dass mich die Dynamik der Kampfchoreographie sehr an John Wick erinnert und siehe da, der Regisseur ist David Leitch, einer der zwei Stunt-Legenden, die den ersten John Wick insziniert haben.

Wenn jemand in seiner Schaffensphase als Regisseur schon so früh, und zwar bei seiner ersten offiziellen Regiearbeit, an seinem Stil erkannt werden kann, ist das ein hervorragendes Zeichen, allerdings trug es bei mir leider auch zu einer bestimmten Erwartungshaltung bei.

Story

Atomic Blonde ist nicht John Wick. Ja, der Film hat (großartige) Actionsequenzen, nichtsdestotrotz ist Atomic Blonde im Kern ein reiner Agententhriller. Und während John Wick eine sehr gradlinige Geschichte über einen Mann erzählt, der seinen Hund rächt, haben wir es hier mit einer wesentlich komplexeren Story zu tun, die, wenn man nicht richtig aufpasst, zum Ende hin vielleicht sogar zu Verwirrungen führen kann.

Charlize Theron spielt Lorraine Broughton, das „Kronjuwel“ des Britischen Gehiemdienstes MI6. Sie wird im November 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, nach West Berlin geschickt, um einen Mikrochip zu sichern, der sämtliche Daten und Details inklusive Echtnamen zu MI6-Agenten gespeichert hat. Diese Liste ist nun in die Hände eines KGB-Agenten geraten, der auf eigene Faust versucht, sie an den meistbietenden zu verkaufen. Ist doch mal was neues… Ihr Kontakt vor Ort ist David Percival (James McAvoy), der so wirkt, als wäre er schon ein paar Tage zu lang undercover im Berliner Untergrund.

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Nicht wirklich. Die Story ist selbstverständlich eine viel genutzte Schablone für diverse Spionage-Thriller, allerdings trifft das eigentlich auf gefühlt 90% aller Storylines von Filmen zu. Wichtig ist, wie wird die Geschichte erzählt, wie fühlt sich das ganze an und natürlich der wichtigste Punkt, kann der Film was?

Aufbau und Tempo

Die Geschichte wird durch Rückblenden dargestellt. Lorraine sitzt in einem Verhörraum, alles ist bereits gelaufen, nun muss geklärt werden, was genau passiert ist. Mit im Verhörraum sitzen CIA-Mann Emmet Kurzfeld (John Goodman) und Lorraines Vorgesetzter vom MI6, Eric Gray (Toby Jones). Sie beginnt, Ihre Geschichte über die Geschehnisse in Berlin zu erzählen. Der Film beginnt sehr langsam und lässt sich besonders auf den Aufbau der Atmosphäre Zeit. Zwar gibt es früh bereits die eine oder andere kurze Actionsequenz, allerdings ist das nichts im Vergleich zu dem Tempo, welches Actionfilme zur Zeit an den Tag legen. Wenn man, wie zunächst ich, mit den Erwartungen in diesen Film geht, man sieht den nächsten John Wick, kann man vielleicht enttäuscht werden. Ich war so irritiert von der ersten Stunde und derer fast schon ruhigen Erzählweise, dass ich teilweise Probleme hatte, mich vollständig auf den Film einzulassen. Ab der zweiten Hälfte des Films, ziemlich genau mit der zuvor angesprochenen Treppenhausszene wird Atomic Blonde wie mit einer Kette auf einen Schlag straffgezogen und das gesamte Konzept inklusive Tempo ergibt plötzlich Sinn. Ich hatte bis dato noch kein vergleichbares Erlebnis als Zuschauer, in dem ich einen Film zu Beginn nur OK finde, ab einer bestimmten Stelle alles rückwirkend großartig wird.

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I love this fucking City!

Durch die Darstellung der aufgewühlten Hauptstadt, in der der Kapitalismus langsam aber sicher in den sozialistischen Ostteil Berlins gesickert ist, Demonstranten durch die Straßen ziehen und Untergrundparties in schmutzigen Hallen gefeiert werden, wird ein dreckiges, in Neon getauchtes Flair erzeugt, das mich völlig eingefangen hat. Überall wird dauerhaft geraucht und gesoffen, Graffiti säumt die Straßen und alles schreit nach Aufbruchstimmung. Der Film ist eine lauthalse Liebeserklärung an das Berlin der 80er Jahre und an den historisch größten Moment der Deutschen Nachkriegsgeschichte. Eine Liebeserklärung, die im Film auch verbal sehr offen ausgesprochen wird.

Der Rhytmus von Post-Punk, New Wave und Neuer Deutscher Welle werden zum Puls des Films. New Order und The Cure, Depeche Mode, Peter Schilling und Falco, Ministry und Nena untermalen druckvoll den Verlauf der Handlung.

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Fazit

Was James Bond kann, kann Lorraine Broughton schon lange. Schergen erschießen, Auftrag erledigen, nebenbei mit heißen Frauen im Bett landen. Ich hatte diesbezüglich übrigens wirklich gehofft, dass die Sexszene zwischen Lorraine und der französischen Geheimagentin Delphine (Sophia Boutella) nicht zum Selbstzweck verkommt. Gerade das Setup für die Beziehung zwischen den beiden Frauen war extrem kurz und kam für mich irgendwie aus dem Nichts. Zudem ist die Sequenz zwar nicht ganz so relevant für die Story wie zum Beispiel die Szenen bei Basic Instinct oder der Taschendiebin, dennoch funktioniert sie im weiteren Geschichtsverlauf dadurch, dass dann doch eine gewisse emotionale Tragweite erzeugt wird. Und sie wird durch einen sehr guten abschließenden Schnitt aufgewertet, der dem Moment viel Humor verleiht, bevor es dem Zuschauer unangenehm werden könnte. Nicht dass das irgendwem passieren würde… trotzdem gute Arbeit.

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Atomic Blonde ist ein sehr guter und allein wegen der Stimmung schon völlig anderer Spionagethriller, dessen Story man obgleich der simplen und schon oft verwendeten Grundidee nicht unterschätzen sollte. Es werden einige Wendungen eingesponnen, die man vielleicht nicht kommen sieht, wenn man nicht gut genug aufgepasst hat. Zudem ist der Film großartig fotografiert und zeichnet in Verbindung mit einem sehr guten Soundtrack eine tolle, verrauchte Atmosphäre des 1989er Berlin. Wenn man die richtige Erwartung an den Film stellt, oder bestenfalls überhaupt keine, lohnt sich eine Sichtung definitiv.

8/10

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