Die Taschendiebin

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Die Taschendiebin (Ahgassi) von 2016 ist der zehnte Spielfilm des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-Wook und stellt die zweite Verfilmung des Romans Fingersmith (dt.: „Solange Du Lügst“) der Walisischen Schriftstellerin Sarah Waters dar, deren Stoff bereits vor 12 Jahren von der BBC in der gleichnamigen Miniserie „Fingersmith“ adaptiert wurde.

Der Originaltitel des Films, „Ah-ga-ssi“ bedeutet so viel wie „Lady“ und transponiert die Handlung vom viktorianischen England in das von Japan besetzte Korea der 1930er Jahre. Die in ärmlichen Familienverhältnissen aufgewachsene Sook-Hee (Kim Tae-ri) wird in das Anwesen der jungen Lady Hideko (Kim Min-hee) als deren Dienerin eingeschleust, um sie dazu zu bewegen, den undurchsichtigen Grafen Fujiwara (Ha Jung-woo) zu heiraten, der sich ihr Erbe durch einen Hochzeitsschwindel erschleichen will. Hideko kann das Erbe als Alleinstehende nicht selbst antreten und muss dazu heiraten. Weiterhin plant Graf Fujiwara Hideko anschließend in eine Irrenanstalt einweisen zu lassen und sich das Geld dann mit Sook-Hee zu teilen. Allerdings muss auch Hidekos Onkel Kouzuki (Cho Jin-woong) umgangen werden, der durch eine Heirat seiner eigenen Nichte ebenfalls an deren Erbe gelangen will.

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Ich versuche, diese Rezension so „spoilerfrei“ wie möglich zu gestalten, denn je weniger man vorweg vom Verlauf der „Taschendiebin“ erfährt, umso besser kann man sich von den vielen Wendungen des Handlungsverlaufs überraschen lassen, und davon hat der Film eine Menge, bis zu einem bestimmten Punkt im Film an dem die komplette Geschichte um 180° kippt und den Zuschauer völlig im Regen stehen lässt. Dabei ist der Film so gut in seiner Erzählweise konstruiert, dass dieser Twist absolut reibungslos wirkt und man sich gefühlt nahtlos in diese neue Richtung mitreißen lassen kann.

Wovon der Film ebenfalls eine Menge hat, ist Sex. Generell ist die Geschichte über weite Strecken erotisch sehr stark aufgeladen und gipfelt in einer der expliziteren Sexszenen des modernen Mainstream-Kinos. Dennoch verkommt diese überdeutliche Darstellung niemals zum Selbstzweck, sondern ist absolut relevant für den Verlauf der Geschichte, die Entwicklung der Charaktere und die emotionale Bindung (oder auch) Distanzierung der Figuren.

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Schauspielerisch bewegt sich Die Taschendiebin ebenfalls auf dem höchsten Level. Gerade die beiden Hauptdarstellerinnen sind absolut glaubhaft und bis auf einen kleinen Moment von Kim Min-Hee, der allerdings auch nur den Bruchteil einer Sekunde ausmacht, war ich durch die Leistung aller Beteiligten von Anfang bis Ende in der Geschichte gefangen.

Etwas im Film verdient einen eigenen kleinen Absatz in dieser Rezension, und damit meine ich das Haus, in dem die Ereignisse der Geschichte stattfinden. Wie bei Stanley Kubriks Shining oder Bate’s Motel aus Psycho hat das Anwesen in Die Taschendiebin einen eigenen Charakter und wirkt wie ein lebender, atmender Organismus. Der Stil kreuzt westliche Gotik mit traditionell japanischem Baustil. Alles in diesem Gebäude hat Struktur, stark gemusterte und im Stil konträr laufende Tapeten, extrem kräftige und dunkle Farben, und der stete Wechsel zwischen klaustrophobisch wirkenden Korridoren und weitläufigen Eingangshallen und Gärten werden von Regisseur Park Chan-Wook mit absoluter Perfektion in Szene gesetzt. Durch die Verwendung der Arri Alexa in Kombination mit einer anamorphen 1974‘er Kameralinse von Hawk und der meisterhaften Beleuchtung schafft Park es, ein visuelles Meisterwerk auf die Leinwand zu bringen. Jedes einzelne der etwa 240.000 Einzelbilder des Extended Cut kann man sich ohne mit der Wimper zu zucken auf einen DinA2-Rahmen ziehen lassen und über’s Bett hängen. Es ist ein wunderschöner Film und meiner Meinung nach optisch sogar noch ein Stück besser, als der 2003 erschienene Oldboy, welcher schlichtweg einer der besten Filme der letzten Dekade war.

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Jo Yeong-Wook komponierte einen Soundtrack, der bei mir permanent Gänsehaut verursachte. Gerade das Stück „My Tamako, My Sook-Hee“ ist der Wahnsinn und begleitet die meiner Meinung nach beste Szene im Film. Die Musik erzeugt Spannung oder unterstreicht Humor, wenn es nötig ist, und trägt in den richtigen Momenten zur emotionalen Tragweite der Szenen bei. Ein Soundtrack, wie er funktionieren und klingen muss. Dadurch dass viele der Stücke Walzer sind, wirkt der klassische Soundtrack oft sehr europäisch und erzeugt hier und einen Moment oder ein Gefühl, das vielleicht an Filme wie die Fabelhafte Welt der Amelie erinnert.

Die Langfassung von Die Taschendiebin hat eine Lauflänge von 168 Minuten und ist somit 24 Minuten länger als die Kinofassung. Nichtsdestotrotz würde ich nicht so weit gehen, die Langfassung als „ungeschnitten“ oder gar als „Director’s Cut“ zu bezeichnen. Park Chan-Wook erzählte in einem Interview, er habe sich im Grunde von den Koreanischen Fans dazu breitschlagen lassen, so viel von dem gedrehten Material im Film unterzubringen, wie nur irgend möglich, und brachte den Film mit längerer Laufzeit für eine exklusive, einmalige Aufführung ins Kino und veröffentlichte ihn anschließend auch in dieser Fassung für koreanisches PayTV. Aufgrund der Tatsache, dass jedes Standbild ein Gemälde ist, durchaus nachvollziehbar. Und auch, wenn ich die Kinofassung wirklich gut fand, ist der Extended Cut aus allen soeben genannten Gründen für mich definitiv die bevorzugte Fassung, die hierzulande als (ziemlich kostenintensive aber großartige) Limited Edition von Koch Media verfügbar ist. Ich gebe die volle Punktzahl. Für mich ist Die Taschendiebin der beste Film von 2016, einer der besten Filme dieses Jahrzehnts und locker in meinen Top 50 der besten Filme aller Zeiten.

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Ein Kommentar zu „Die Taschendiebin

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