Justin Bieber ist ganz ok.

justin-bieber-702x336

Ich sitze zusammen mit elf weiteren Personen in einem Stuhlkreis, der von einer einsamen Deckenleuchte bestrahlt wird, in der Mitte einer großen Sporthalle. Ich stehe langsam auf und Blicke in die erschlagenen, ermatteten Gesichter, die mich nachdenklich und wartend ansehen.

Ich atme durch und räuspere mich kurz bevor ich langsam aber deutlich die folgenden Worte ausspreche:

„Hallo. Mein Name ist Dennis Fox, ich bin 37 Jahre alt, und ich finde, Justin Bieber ist ganz ok.“ Stille.

Einen Moment später schallt von allen ein gelangweiltes „Hallo Dennis“ zurück. Einige schauen mich starr und leer an, manche Blicke gehen zu Boden, beschämt, aber verständnisvoll. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Ich habe noch Glück, ich finde Justin Bieber ok, außerdem habe ich dasselbe Problem wie Tobias, der links neben mir sitzt. Er mag sowohl Marvel- als auch DC-Filme und leidet sehr unter den Antworten, die ihm in den Kommentarsektionen auf YouTube und Facebook entgegengebracht werden, wenn er egal welchem der beiden Lager einen netten Spruch unter den letzten Trailer schreibt. Diese Antworten reichen je nach Plattform von stumpfen Beschimpfungen bis hin zu bösartigen Morddrohungen.

Paula sitzt mir gegenüber. Sie ist 61, hat drei Töchter und einen Sohn. Letzterer hat kürzlich mit ihr gebrochen, da sie am 24. September ihr Kreuz bei der AfD gemacht hat. Er habe keine Mutter mehr, zitiert sie ihn bedrückt, und wirkt dabei so, als versteht sie die Welt nicht mehr.

So albern sich das Szenario liest, muss ich aber unterstreichen, dass diese drei Geschichten jede für sich wahr sind. Ich hasse Justin Bieber nicht, es gibt tatsächlich Menschen, die Marvel- UND DC-Filme mögen, und Paula ist eine Frau, die zwar nicht Paula heißt, aber tatsächlich existiert und die zudem an Krebs erkrankt ist, was ihr Sohn aber nicht weiß, weil er ihr zuvor gesagt hat, dass er sie nie wiedersehen will.

Die Welt ist eigentlich grau. Und damit meine ich nicht trist, sondern einfach, dass sie nicht nur schwarz-weiß gesehen werden kann. Und dennoch verschwinden die feinen Abstufungen und die Meinungen, die nicht in das eine oder andere Extrem schlagen, immer mehr unter der Flut der lauthalsen Hass- oder Liebesbekundungen in den Kommentarsektionen von Facebook und Co.

Ich erinnere mich sehr gut an eine Zeit, in der auch von den Medien nicht alles in eine der beiden Ecken gedrängt werden musste, um emotionale Reaktionen beim Zuschauer oder Leser zu erzeugen. Alles ist mittlerweile UNGLAUBLICH GEIL oder eben ABSOLUT UNTERIRDISCHE SCHEISSE. Wo ist das „nett“ oder das „ok“ geblieben? Wo das „hat mir nicht so gut gefallen“ oder das „das war nichts für mich, aber wenn es Dir gefällt, freut mich das für Dich“. Natürlich liest sich das nicht sonderlich reißerisch, aber mir fehlt online fast überall der moderate Ton, die goldene Mitte, in der man sich trifft, sich die Hand gibt und jeder mit seiner eigenen Meinung anschließend wieder seiner Wege gehen kann.

Stattdessen beschimpft man sich, weil einem die Meinung des Anderen nicht passt. Dabei sind dann aber wiederum alle zu faul, ihren Standpunkt ausführlich zu äußern und zu diskutieren sowie sich die Antworten durchzulesen, denn auf dem Handy ist das Verfassen von Nachrichten über 280 Zeichen einfach verdammt anstrengend und lesen kostet einfach zu viel Zeit. Somit verkommen Meinungsverschiedenheiten nur noch zu leerer Pöbelei, der jede Grundlage eines vernünftigen Gesprächs bereits zu Beginn entzogen wird.

Am schlimmsten finde ich an der ganzen Situation, dass diese Art der „Diskussion“ nicht nur Themen betrifft, von denen man denken mag, dass sie allen wichtig sind, wie beispielsweise Politik oder Religion, sondern dass sich die digitale Anschreierei bis in die letzten Winkel der eigentlich unwichtigsten Themen ziehen kann und dort mit demselben Enthusiasmus ausgelebt wird.

Aus allem wird eine Glaubensfrage gemacht und nirgendwo ist man mehr sicher, egal ob es um Ernährung und Sport, Filme und Musik, Xbox und Playstation, Humor oder Kunst geht.

Interessiert mich, was andere schreiben, muss ich mich permanent den Beleidigungen derer aussetzen, die meinen Geschmack nicht teilen. Das kann man natürlich einfach ignorieren, es wird nur immer schwieriger, wenn man gern interagiert und nahezu überall denselben Ton entgegengebracht bekommt. Wie ein Autounfall – schrecklich, es fällt aber schwer, wegzusehen.

Dabei frage ich mich nicht selten nach dem Sinn dieser drastischen Formulierungen. Will die Person einfach eine Reaktion provozieren, einen Streit anfangen, weil sie einen schlechten Tag im Büro oder Beziehungsstress hat um einfach Frust abzulassen, oder ist das der klägliche Versuch, über Beschimpfungen andere dazu zu bewegen, von ihrem Standpunkt oder ihrer Vorliebe abzurücken? Wie man es dreht, nichts davon führt irgendwo hin. Gerade dann, wenn man nur hineinruft und nicht einmal mehr hört, was herausschallt, ist es unmöglich, irgendetwas aus dieser Kommunikation mitzunehmen.

e3_2014_playstation_xbox_hallway_2400.0

Ich glaube, das Stichwort, um das es hinter all diesen Kommentaren eigentlich geht, lautet Identifikation. In der Digitalisierung ist scheinbar überall auf einen Schlag ersichtlich, wo man steht, dabei gibt es aber nur zwei Ecken, Like und Dislike. Mag ich einen Song, sehe ich auf YouTube zwei Millionen Daumen rauf, sechshunderttausend Daumen runter. Lese ich, was meine neuen Seelenverwandten zu sagen haben, sticht ein Kommentar heraus: „Der Song ist der letzte Dreck“. 796 Likes. Darunter 118 Antworten.

Jemand mag den Song, den ich mag, nicht. Das kann man ja so stehen lassen und weiterziehen, schließlich kann mir die Meinung eines vollkommen Fremden völlig egal sein. In den 118 Antworten wird es aber stattdessen persönlich, denn ich nehme den Angriff nicht als Angriff auf den Song, sondern direkt auf meine Person wahr. Während ich das Lied also im Hintergrund laufen lasse, wate ich durch das Schlachtfeld der Kommentare, in der eine Beleidigung die nächste jagt, jede wird wiederum für sich bewertet. „Ich erwarte von einem 14-jährigen, der nichts macht, als im Keller seiner Eltern vorm Rechner zu masturbieren keinen vernünftigen Musikgeschmack“. 1.400 Likes. Natürlich kennt der Verfasser dieser Antwort weder das Geschlecht, noch das Alter oder die Wohnsituation des Gegenübers. Es wird gnadenlos generalisiert, über einen Kamm geschoren und provoziert, was das Zeug hält und dabei wird in vielen Fällen nicht auf den eigentlichen Inhalt eingegangen. Wahrscheinlich ist, dass dieser Satz von dem, an den er gerichtet war, überhaupt nicht gelesen wird. Vielleicht antwortet er darauf, geht aber überhaupt nicht auf die Beleidigung ein, sondern antwortet stumpf mit einer härteren Beleidigung. Vielleicht liest er es, zuckt mit den Schultern und ist schon längst weiter gezogen, in den endlosen Stream der Beiträge und Videos, die es zu bewerten und kommentieren gilt.

INRZbH1

Schaue ich auf eins meiner vielen Displays, ist alles nur noch schwarz-weiß. Nur noch Like gegen Dislike, Trump gegen Hillary, Weidel gegen Wagenknecht, 60 Genders gegen „Es gibt nur zwei Geschlechter“. Alle schreien sich an, alles ist DAS BESTE! oder DAS SCHLIMMSTE! aber irgendwie hört niemand sich die Argumentation des anderen an. Je enger die Filterblase, je enger das Blickfeld. Schalte ich den Bildschirm ab (welchen auch immer) ist zumindest in meinem direkten Umfeld wieder alles beim Alten. Ich kann mit Freunden und Familie, Arbeitskollegen und Bekannten über Politik diskutieren, auch gern hitzig. Vielleicht nehme ich etwas mit oder gewinne sogar die Argumentation, egal ob es um wichtige Themen in der Politik oder noch viel wichtigere Themen wie Comic-Verfilmungen geht.

Es sind natürlich immer die kleinsten Gruppen, die am lautesten schreien. Und ich hoffe einfach, dass diese Streitkultur dort bleibt, wo sie jetzt ist und weiterhin von den meisten Menschen ignoriert werden kann. Ich weiß auf jeden Fall mittlerweile, bei welchen Beiträgen ich besser nicht in die Kommentare scrolle, um mir einfach ein weiteres Kopfschütteln sparen zu können.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s