Blade Runner 2049 ist ein Flop

blade-runner-2049-image-8

Kaum blinzelt man zweimal, schon sind 35 Jahre vergangen und wir haben ein Sequel zu Blade Runner, dem Cyberpunkt-Meilenstein von 1982 von Ridley Scott.

Scott war auch dieses Mal als Produzent involviert und Regie führte Denis Villeneuve, der sich mit den Filmen Prisoners, Enemy, Sicario und natürlich dem oskarprämierten Sci-Fi-Meisterwerk Arrival bereits in Hollywood einen großen Namen gemacht hat. Ich war gespannt bis zum Anschlag, was diese beiden Koryphäen zusammen auf die Leinwand bringen können, gerade in Bezug auf die sehr späte Fortsetzung eines seinerzeit äußerst problematischen Titels.

BLADE RUNNER

Blade Runner mag heute als Klassiker gelten, und das meiner Meinung nach auch völlig zurecht, als der Film allerdings 1982 ins Kino kam, wurde er sehr verhalten aufgenommen. Nicht nur, dass durch die Einmischung des Studios in die finale Version der Kinofassung ein Ende hinzugefügt wurde, das weder von den Schreibern, noch von Ridley Scott so gewollt war, der Film litt zusätzlich darunter, dass er im Laufe der Jahre in fünf offiziellen Schnittfassungen erschien. Aber dieser Fakt hat buchstäblich einen eigenen Wikipedia-Eintrag und würde hier den Rahmen sprengen.

EW-2ndPageOpenerorg

Blade Runner erhielt bei Release 1982 gemischte Kritiken. Negative Wertungen bemängelten den „dünnen Plot“ zugunsten eines „effektüberladenen Settings“ und die langsame Erzählweise, die dem Film bei einigen Kritikern und auch Teilen des Publikums den Namen „Blade Crawler“ bescherte. Positive Stimmen attestierten Ridley Scotts Werk hingegen, dass er sich über die Jahre zu einem Klassiker entwickeln würde und lobten die dichte Atmosphäre und die philosophischen Fragen, die der Film aufwirft. Klingt das irgendwie vertraut?

2049 in 2017

Spulen wir 35 Jahre in die Zukunft. Denis Villeneuve ist einer der besten Regisseure der heutigen Zeit und hat dies in seiner Zeit in Hollywood nun mehrfach unter Beweis gestellt. Allerdings ist einen Film zu drehen selbstverständlich keine Ein-Mann-Show, und was die Arbeiten von Villeneuve angeht, so haben sie alle einen für ihn sehr typischen Stil, was in meinen Augen auch einen guten Filmemacher ausmacht. Dieser Look resultiert auch daraus, dass Villeneuve die Schlüsselpositionen für seine Filme immer an denselben Kreis von Personen vergibt, vorausgesetzt, diese sind gerade verfügbar.

Patrice Vermette beispielsweise hat immer die Leitung des Production Design in Villeneuves Filmen übernommen und ist zuständig für das Konzept und die Entwürfe der Sets, dem Aussehen der Orte also, in denen die Produktion abgedreht wird.

screen-shot-2017-05-08-at-1-09-47-pm

Und auch Joe Walker (Schnitt), Roger Deakins (Director of Cinematography / Kameraführung) und Jóhann Jóhannson (Komponist der Soundtracks) sind immer wieder an Bord, wenn Villeneuve sich ein neues Projekt vornimmt.

Dazu kommen all die Menschen, die für die ganzen feinen Details zuständig sind, allein 30 von ihnen haben Hand in Hand den Sound von Blade Runner 2049 gestaltet und waren dafür verantwortlich, wie sich der Film klingt. Was für ein Geräusch macht der Schuss einer Handfeuerwaffe, die Motoren der Fahrzeuge, der Regen, der die Straße fällt, der Stimmhall in großen Räumen, eine Explosion oder vielleicht, wie eine Tür ins Schloss fällt.

Box Office Bomb

Wie in allen anderen Branchen ist auch eine Filmproduktion ein bis ins kleinste Detail durchstrukturiertes Projekt. Von Drehbeginn bis zum letzten Cut sind alle Tage genau geplant, die Studios wissen von vornherein, wann ein Film startet, an welchem Tag was abgedreht wird und zu welchem Stichtag alles abgeschlossen ist. Auch Nachdrehs für große Produktionen werden von vornherein eingeplant. Das hat auch einen sehr guten Grund: Geld. Das Studio stellt das Budget, und wer jemals in einem vorab budgetierten Projekt gearbeitet hat, der weiß, dass man das nicht einfach überzieht, ohne sich im Anschluss in irgendeiner Form verantworten zu müssen.

In diesem Fall hat jemand bei Warner Bros. Pictures zunächst einen Scheck über geschätzt 150 Millionen Dollar ausgestellt (oder 180 Millionen, je nachdem, wen man fragt), mit der Erwartung, dass er und die Aktionäre nicht nur dieses Geld wiedersehen, sondern auch noch einen ordentlichen Gewinn einstreichen können. Wenn man „PRODUKTIONSBUDGET VON 150 MILLIONEN DOLLAR“ liest, heißt das aber nicht, dass der Film bei einem Umsatz von 150 Millionen und einem Dollar Gewinn gemacht hat. Viele vergessen, dass das Ganze noch beworben werden muss, und diese Kosten sind mittlerweile eins der am heißesten diskutierten Themen an den runden Tischen Hollywoods. Teilweise verschlingt allein das Marketing einer großen Hollywoodproduktion, wie beispielsweise beim aktuellen Transformers – The Last Knight, bis zu 200 Millionen Dollar für die weltweite Plakatierung, Fernseh- und Kinowerbung und die Produktion der Trailer. Somit hat genannter letzter Eintrag in die Transformers-Filmreihe insgesamt etwa 417 Millionen Dollar gekostet, die er wieder einspielen muss, um überhaupt erst einmal den Nullwert zu erreichen. Hat er es geschafft? Ja, mit 605 Millionen Dollar konnte ein entsprechender Gewinn verzeichnet werden. Die sinkenden Einspielergebnisse (was auch an der beschissenen Qualität der Filme liegt) bei steigendem Budget bereiten den Produzenten aber bereits ordentliches Kopfzerbrechen für die Zukunft dieses ehemaligen Goldesels.

Um es auf den Punkt zu bringen, Blade Runner 2049 muss wohl zwischen 150 und 180 Millionen für die Produktion plus vermutlich noch einmal dasselbe für das Marketing einspielen, und es sieht bis jetzt nicht gut aus. Denn der Indikator für einen finanziellen Erfolg ist das Eröffnungswochenende auf dem amerikanischen Markt, bei dem Blade Runner 2049 gerade mal traurige 32 Millionen Dollar einnehmen konnte. Das bedeutet, der Film muss zum einen einen langen Atem an den Kinokassen haben und sich zudem stark auf den internationalen Markt verlassen, was Hollywoodproduzenten nicht gerne sehen, da sich dieser Markt natürlich unvorhersehbarer einschätzen lässt, als der eigene. Generell rechnet man bei Blockbuster-Filmumsätzen mit einer Quote von 33% national zu 66% international bis hin zu 25 % national und 75 % international (je nachdem, ob der Film in alle Länder verkauft wird oder nicht). Umsatzerwartungen können also außerhalb der USA unvorhergesehen zu hunderten Millionen Dollar schwanken, positiv wie negativ.

09d64240b234b4f9368b2464778a1750

Qualität ≠ Umsatz

Warum ist der Film nun so untergegangen? Ist er vielleicht einfach schlecht?

Kommen wir zu meiner persönlichen Meinung, die sich aber mit dem Großteil der Kritiker und Kinogänger deckt, und die lautet: Nein!

Blade Runner 2049 ist ein Meisterwerk, ein Meilenstein der Filmgeschichte und richtungsweisend für das Neo-Noir- bzw. Cyberpunk-Genre. In 20 Jahren werden wir vermutlich noch immer Einflüsse dieses Films in anderen Produktionen sehen, ich habe selten einen so guten Film im Kino sehen dürfen und ich kann es kaum erwarten, ihn mir auf Blu-Ray zu kaufen um ihn mir wieder und wieder und wieder ansehen zu können, und dann bitte endlich in 2D.

Denis Villeneuve und sein Team haben sich unbeirrt von Erwartungen an aktuelle Blockbuster vollends darauf konzentriert, den Ton und die dichte Atmosphäre des Originals zu treffen, und mit meditativer Ruhe eine oberflächlich betrachtet sehr simple Geschichte zu erzählen. Diese wirft aber wie das Original wieder viele philosophische Fragen auf, und davon mehr, als der Film dem Zuschauer zu beantworten bereit ist. Hier kann wieder fröhlich diskutiert werden über vieles und gerade über das, was Robin Wright im Trailer mit den Worten „This Could Break The World“ zusammenfasst.

Hier ist alles, aber auch wirklich alles, absolute Perfektion, von der Regie über die Cinematographie, das Sounddesign, CGI sowie die Schauspieler, die durch die Bank weg alles gegeben haben, was sie hatten, sowohl die Haupt- als auch Nebendarsteller (Applaus für Dave Bautista, wer hätte das gedacht)… und natürlich der Soundtrack.

Denis Villeneuve hat bei der Filmmusik die Entscheidung getroffen, sich von seiner ersten Wahl, Jóhann Jóhannson, zu trennen (obwohl dieser bereits offiziell für den Film als Komponist angeheuert wurde) und den Job an Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch zu übergeben. Die beiden hatten nun die Aufgabe, in die großen Fußstapfen von Vangelis zu treten, der mit seinem Soundtrack für Blade Runner (1982) ein wegweisendes Meisterwerk geschaffen hatte. Vangelis‘ Sountrack war so einschneidend in der synthetischen Musik, dass der Synthesizer, der Yamaha CS-80, mit dem er u.a. diesen Score komponiert und aufgenommen hat, eine eigene Vangelis-Sektion in seinem sonst eher kurzen englischen Wikipedia-Eintrag bekam. Konnten Zimmer und Wallfisch diesem Anspruch gerecht werden? Bei Gott JA, was für ein Score!

Atmosphäre über alles

Also die Qualität scheint es nicht zu sein. Aber die Erwartung, die das Publikum an den Film hat, vielleicht schon. Auch wenn das Original heute als Klassiker gilt, ist der Großteil der Zuschauer, wenn sie sich ein „teures Sci-Fi-Spektakel“ anschauen, anderes gewohnt. Es fehlt vielen an Action, der Film ist mit 163 Minuten sehr lang, sehr ruhig und sehr subtil gespielt. Oberste Priorität hat die Atmosphäre, und zwar über alles andere. Villeneuve hatte eine ganz klare Vision dieses Films, und hat diese unbeirrt verfolgt.

Blade-Runner-2049-Atari-Logo-Trailer-Awesome

Während man heute insbesondere bei CGI in Science-Fiction erwartet, alles im Detail sehen zu können (steckt ja auch eine Menge Geld drin), hat man sich bei Blade Runner 2049 dazu entschieden, die Hälfte des Films in einen dichten Smog zu tauchen und oft nur das nötigste zu Zeigen. Alles ist eingenebelt, wie es sich aber in einer richtigen Cyberpunk-Dystopie gehört, die sich in der Regel durch Hoffnungslosigkeit, Tristheit und die durch Technologie verursachte Verschmutzung der Welt auszeichnet, und der Zuschauer muss sich teilweise den Rest dazu denken.

Andere mögliche Faktoren

Vielleicht war auch einer der Gründe für den Umsatz in Nordamerika, dass der Film in derselben Woche des Las Vegas Shooting, der größten Tragödie dieser Art der USA gestartet ist, und die Menschen einfach nicht in Stimmung für Gewalt, Dystopie und Trostlosigkeit. Eine der Taglines des Films lautet „You Don’t Know What Pain Is“. In Anbetracht der Geschehnisse vielleicht eine etwas ungünstige Ansage.

Zudem musste Blade Runner gegen Kinophänomen und Kassenschlager „IT“ ins Rennen, dem umsatzstärksten Horrorfilm aller Zeiten, dessen Erfolg in den USA noch immer nachhallt und der erst eine Woche vor Blade Runner 2049 auf dem internationalen Markt gestartet ist. IT hat einen gewaltigen Hype vor sich hergeschoben, an dem anscheinend noch immer jeder teilhaben will. Die Menschen lieben Hype und sie lieben Gewinner, trotz allem ist IT für eine Blade-Runner-Fortsetzung ein sehr ungewöhnlicher Gegner an der Kinokasse. Warner Bros. dürfte sich aber dennoch freuen, dass sie den Umsatz beider Filme einstreichen können.

Blade-Runner-2049-trailer-breakdown-27

Dass Blade Runner 2049 nur für MÄNNER ist, glaube ich ebenfalls absolut nicht. Es wird sich wieder von mancher Stelle über die Gewalt gegen Frauen geärgert. Würde die Gewalt nur von Männern und überwiegend gegen Frauen gerichtet sein, würde ich vielleicht darüber nachdenken, aber eine der gewalttätigsten Figuren ist selbst eine Frau. Im Film gibt es Gewalt von Frauen gegen Frauen, Frauen gegen Männer, Männer gegen Männer und Männer gegen Frauen. Es ist einfach eine Geschichte, in der Gewalt und Macht eine Rolle spielt. Wer darauf keine Lust hat, kann sich ja den „My-Little-Pony-Film“ ansehen, zack, Problem gelöst.

Abgesehen davon, dass meine Frau den Film ebenfalls abgöttisch liebt, hat der Titel mit Silvia Hoeks (oben im Bild) und Robin Wright als Ryan Goslings Vorgesetzte zwei extrem starke Frauen in der Darstellerriege, und das gilt in meinen Augen auch für Ana de Armas, Mackenzie Davis und Hiam Abbas. Ich halte diesen Kritikpunkt wirklich für völligen Schwachsinn, aber manche Menschen müssen immer irgendetwas finden, wodurch sie sich provoziert fühlen und worüber sie sich lauthals aufregen können.

Wer weiß, vielleicht legt der Film auch einen „Avatar“ hin, der damals am ersten Wochenende 77 Millionen Dollar eingespielt hatte und am Ende der vermutlich für immer erfolgreichste Film mit einem Gesamtumsatz von 2,7 Milliarden Dollar wurde. Ich glaube es zwar nicht, dennoch ist Blade Runner 2049 nicht nur besser als Avatar (und zwar um Längen), sondern auch mein persönlicher Favorit des Jahres. Ich drücke die Daumen, dass der Erfolg noch kommt, denn ich würde in Zukunft gern mehr Filme dieser Art im Kino sehen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s