Baby Driver

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Immer wenn man gerade denkt, man ersäuft förmlich in einer Flut aus Buch- oder Comicverfilmungen, Remakes, Reboots, Prequels und Sequels, kommt jemand wie Edgar Wright um die Ecke, um den Zuschauer mit etwas ganz Eigenem zu überraschen, das man so noch nicht gesehen hat. Bis jetzt hat mich jeder seiner Filme ohne Mühe überzeugen können, was auch und gerade für Baby Driver gilt. Im Gegensatz zu seiner Cornetto-Trilogie oder Scott Pilgrim vs The World weicht Wright aber diesmal etwas von seiner üblichen Struktur ab und bietet uns mit seinem ersten US-amerikanischen Film eine Art Action-Musical. Hört sich komisch an? Glaubt mir, es lohnt sich.

 

„The first song in the movie, which is by the John Spencer Blues Explosion, I heard it when I was 21 (*1994 – Anm. d. Redaktion). I would listen to that track and I would imagine that car chase and I couldn’t listen to that track without imagining this car chase. I thought: I have to come up with a movie that’s as cool as this vision I keep having… So that basically became the movie.“

– Edgar Wright

 

„Songwriting“

Edgar Wright hatte die Grundidee für diesen Film seit 23 Jahren im Kopf und fing vor 10 Jahren an, an dem Drehbuch zu arbeiten. Der grobe Schnitt, der nach Feinarbeit zu dem geworden ist, was wir jetzt auf der Leinwand erleben dürfen, ist bereits sechs Jahre alt. Wright hat sich also viel Zeit genommen, seine Geschichte und die Art der Erzählung, sowie die Charaktere bis zur für ihn absoluten Perfektion zu feilen, und das ist meiner Meinung nach auch das Ergebnis dieser Produktion: filmische Perfektion.

Der interessanteste Punkt für mich ist die Tatsache, dass die Songs die Grundlage für das Script waren. Hauptdarsteller Ansel Elgort, der das Script in Beisein Wrights das erste Mal gelesen hat, bekam ein iPad in die Hand gedrückt, auf dem das Drehbuch in Form einer App installiert war. Jede der digitalen Seiten war mit einem Icon versehen, welches den Song der entsprechenden Scene begleitend abspielen konnte. Das ermöglichte den Schauspielern, sich sofort beim ersten Lesen in die entsprechende Stimmung für die Szene versetzen zu können, denn Musik ist in diesem Film alles.

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„Beat“

Jede Bewegung, jeder Schuss, jede Sirene und jedes Bremsgeräusch sind im Takt der Musik, die Baby durchgehend über die Kopfhörer seiner dutzenden iPods hört, um den Tinnitus, an dem er seit seinem siebten Lebensjahr aufgrund eines Autounfalles leidet, auszublenden.

Um diese Synchronisation von Schauspiel und musikalischem Rhythmus zu erreichen, hat Wright nicht den „leichteren“ Weg über Schnitttechnik gewählt (also die Szenen in der Post-Production zur Musik editiert), sondern den wesentlich schwierigeren Weg. Wurde das gesamte Set gerade mal nicht für alle über Speakerboxen mit den Songs beschallt, hatten die Schauspieler Knöpfe im Ohr, um ihre Bewegungen im Takt der Musik ausführen zu können. Kevin Spacey hatte wohl teilweise große Probleme beim Dreh, nicht permanent im Takt mit dem Kopf zu nicken oder mit den Schultern zu zucken.

Tarantino riet Wright vor Jahren davon ab, einen Film auf der Grundlage bestimmten Songs zu schreiben, denn es ist oftmals sehr wahrscheinlich, dass aufgrund der fehlenden Rechte die Verwendung im Film überhaupt nicht möglich ist. Doch konnten für dieses Projekt alle 35 sehr sorgfältig ausgewählten Songs verwendet werden, darunter 50er Jahre Rock, 60er Jahre Soul, Funk, Hip-Hop und alles was man zum Kopfnicken im Kinosessel sonst so braucht, dabei bleibt der Soundtrack immer zeitlos.

 

„Drive“

Nun ist dieser Film aber im Kern auch ein Heist-Movie, und ein Heist-Movie braucht Verfolgungsjagten. Und was diesbezüglich in Baby Driver geboten wird, sucht seinesgleichen, denn: alle Szenen sind echt, wie es sich für einen guten Streifen gehört. Echte Autos, echte Straßen, echte Stunts. Kein Green Screen, kaum CGI, nur eine ehrliche Liebeserklärung an die großen Car-Stunt-Movies der vergangenen Jahre. Wright nannte neben aktuellen Filmen wie John Wick hauptsächlich Filme, die er in seiner Kindheit gesehen hatte, wie Vanishing PointBullitFrenchConnection und The Driver als maßgebliche Einflüsse für die Actionsequenzen.

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„Band“

Im Zuge meiner Lobhudelei über den Film werde ich bei der Besetzung keine Ausnahme machen. Auch wenn mich die Academy Awards und Emmys grundsätzlich nicht mehr wirklich interessieren, so möchte ich dennoch erwähnen, dass wir uns in diesem doch eher „kleinen Film“ gleich drei hochdekorierte Schauspielern mit ihrer Leistung begeistern lassen dürfen, dennoch geben vor der Kamera alle Beteiligten wirklich alles, was sie haben.

Kevin Spacey, der bereits zwei Oscars für Die üblichen Verdächtigen und American Beauty einheimsen durfte, spielt hier den undurchsichtigen und zugleich charismatischen und bedrohlichen Gangster „Doc“, der die Überfälle plant sowie die Teams zusammenstellt. Spacey ist halt Spacey, und so liefert er dieselbe hohe Qualität ab, die wir seit Jahren von ihm kennen und lieben. Jon Hamm, der für seine Rolle in Mad Men (wie ich gehört habe zurecht) zwei Golden Globes gewann, spielt den irgendwie sympathischen kriminellen Buddy, seine reizende bessere Hälfte „Darling“ (Eiza Gonzàlez) könnte dem einen oder anderen als Neubesetzung von Santanico Pandemonium in der Serienadaption von From Dusk Till Dawn im Gedächtnis geblieben sein.

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Jamie Foxx (ebenfalls Oscarpreisträger für Ray) verdient seinen eigenen kleinen Absatz. Er spielt den völlig gestörten Bats, einen dieser Typen, der niemandem traut, sich keiner Konsequenzen bewusst ist und seinen Gewalttrieben einfach freien Lauf lässt. Absolut unberechenbar scheucht er seine Crewmitglieder mit seinen krankhaft impulsiven Entscheidungen von einer stressigen Situation in die nächste, scheinbar permanent von dem Bedürfnis getrieben, alle um sich herum an ihre Grenzen zu treiben, und so sehr man sich wünscht, dass dieses unangenehme Arschloch endlich den Löffel abgibt, kann man nicht umher, sich von Foxx‘ Darstellung faszinieren zu lassen.

In zwei kleineren Nebenrollen sehen wir den sehr schauspielerprobten Red-Hot-Chili-Peppers-Bassisten Flea sowie den vielleicht eher unbekannten Lanny Joon, der aber die Ehre hatte, den für mich besten Witz des ganzen Films rauszuhauen.

Zu guter Letzt kommen wir zu den beiden Hauptfiguren, Lily James (Pride and Prejudice and Zombies und Cinderella) als Deborah und Ansel Elgort als titelgebenden „Baby“. Etwa in der Mitte des Films beginnt zwischen den beiden die Bonny-und-Clyde-ähnliche Liebesgeschichte von einem Kriminellen und einer Kellnerin, die beide nichts zu verlieren haben. Auch wenn Lily James‘ Charakter wohl die am wenigsten tiefgreifende Figur im Film zu sein scheint, brauchte sie für mich auch nicht mehr als das, was sie hatte. Alles, was für die Chemie der beiden und die Geschichte notwendig ist, bringt Lily James hier auf den Punkt.

Ansel Elgort kennt der eine oder andere vielleicht aus den grottigen Divergent-Filmen, dem grottigen Remake von Carrie aus dem Jahre 2013 sowie dem sehr positiv aufgenommenen kleinen Drama The Fault in our StarsElgorthatte die Aufgabe, neben all diesen erprobten Schauspielveteranen und einem Regisseur, der als eher speziell gilt, den Film als Hauptdarsteller zu tragen, und entschied sich offensichtlich dazu, mit der Qualität seiner Kollegen gleichzuziehen oder sie einfach direkt an die Wand zu spielen. Die Art, wie er Emotionen über wenige Sätze und viel Mimik transportiert, hat mich wirklich beeindruckt, vermutlich aber auch deshalb, weil ich einfach nicht damit gerechnet habe. Wer sich die Zeit nehmen möchte, sich mit dem Schauspieler etwas mehr zu befassen, der wird mit einer ganzen Palette geballtem Talent überrascht, und ich denke, dass wir zukünftig noch sehr viel von ihm sehen werden.

Was die explosive Mischung der Charaktere aber wirklich interessant macht, ist, dass fast alle Figuren mehrere Schichten haben. Viele nicht direkt offensichtliche Motive und Emotionen heben das Ensemble im Vergleich zu anderen aktuellen Actionfilmen deutlich hervor und führen zu der einen oder anderen Überraschung im Verlauf der Geschichte.

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Ich denke es ist wichtig, dass man nicht mit den falschen Erwartungen an den Film herangeht. Vor allem ist Baby Driver im Gegensatz zu Wrights vorigen Produktionen nämlich keine Komödie, es ist ein musikgetriebener Actionfilm, der zwar lustig sein kann, aber ebenso für eine längere Laufzeit spannend und ernsthaft. Neben der spektakulären Action und dem sensationellen Aufhänger, einen kompletten Film im Takt seines Soundtracks zu choreographieren, ist Baby Driver bis unter die Decke vollgepackt mit kleinen Referenzen und Feinheiten, die die wirkliche Detailverliebtheit des Regisseurs offenbaren, wie beispielsweise der leichte Tinnitus-Ton, der in jeder Szene zu hören ist, in der mal keine Musik gespielt wird.

Zudem wird Baby Driver wohl sehr gut altern. Aufgrund der verwendeten Songs, dem Diner, alten Handys, alten Autos und nicht vorhandenen technischen Gimmicks fühlt sich der Film jetzt bereits an, wie einer dieser alten Hollywood-Klassiker. Ein Gefühl, an das ich mich auch unter anderem erinnern kann, als ich zum ersten Mal Pulp Fiction gesehen habe.

Edgar Wright schertzte, dass Baby Driver und der ebenfalls 2017 erschienene The Only Living Boy In New York Teile des Simon And Garfunkel Cinematic Universe sind, da beide Filme nach Songs des Duos benannt wurden.

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Wer etwas Originelles sehen möchte, das über Jahre mit viel Bedacht und Gefühl entwickelt und in absoluter Perfektion ausgeführt wurde, und eben nicht Teil des aktuellen Franchise-Wahns ist, dem empfehle ich diesen Titel von Herzen. Was hier geboten wird, ist für mich tatsächlich einer der besten Filme der letzten Jahre.

10/10

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Ein Kommentar zu „Baby Driver

  1. Hört! Hört! Ich kann mich der Rezension nur anschließen. Ein präziser und überwiegend perfekt gestalteter Film, der zwar inhaltlich nichts Neues bringt, aber in seiner Präsentation ein kleines Meisterwerk darstellt. Dass der Film, trotz der verdichteten Style-over-Substance-Handlung, dann noch mit hochkarätigen Schauspielern daherkommt, wird ihn vermutlich zum zeitlosen Klassiker erheben.

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