Ghost In The Shell (2017)

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Vorwort

Man kann Rinderfiletspitzen auf gehobeltem weißem Trüffelbett lieben und trotzdem auf Currywurst Pommes Schranke abfahren. Problematisch wird es für mich nur dann, wenn auf der Karte ersteres steht und letzteres serviert wird. Das war in etwa mein Gedankengang, als gestern Abend der Abspann von Rupert Sanders‘ Ghost in the Shell über die Leinwand flimmerte. Das Franchise ist für sein tief philosophisches Storytelling berühmt, und jeder, dem der erste Film von 1995 gefallen hat, hat zumindest an die Geschichte hohe Erwartungen. Man möchte sich im Anschluss Gedanken machen, vielleicht die eine oder andere offene Frage mit Freunden diskutieren oder sich einfach mal darüber freuen, zur Abwechslung etwas mit mehr Anspruch als Sharknado gesehen zu haben. Nicht, dass man das falsch versteht, ich liebe meine Portion Trash am Sonntagabend, aber dann weiß ich auch, worauf ich mich einlasse, steht ja schließlich drauf.

Nun, auf dieser Packung stand Ghost In The Shell… Der Titel wurde sogar extra zwei Mal in der Eingangssequenz gezeigt, vielleicht damit man als Zuschauer auch sicher gehen konnte, nicht im falschen Kino zu sitzen. Und obwohl man im Vorfeld schon erfahren hat, dass die tiefgründige Geschichte für die übliche Amnesie-Rache-Action über Bord geworfen wurde, dachte ich eigentlich, dass ich mich Problemlos darauf einlassen und vielleicht trotzdem gut unterhalten lassen könnte.

Ich meine, schließlich gibt es ja noch nicht so viele Filme, die sich mit Gedächtnisverlust und der Suche nach den eigenen Erinnerungen bzw. dem früheren Leben auseinandersetzen… wie die Bourne Filme… oder Unknown Identity. Total Recall… Long Kiss Goodnight, Paycheck, Before I Go To Sleep, Memento… *seufz*… also los geht’s.

Produktion       

Die Produktion war von Beginn an überlagert mit Whitewashing-Skandalen durch das Casting von Scarlett Johansson als Motoko Kusanagi und Pilou Asbæk als Batou. Ich fand das eher wenig problematisch, da es sich schließlich um ein Amerikanisches Remake handelt und ich Scarlett Johansson eigentlich immer gerne sehe. Als dann Takeshi Kitano als Aramaki gecastet wurde, war ich schon beinahe ein wenig aufgeregt, da Kitano zu einem meiner absoluten Lieblingsregisseure zählt und jeder seiner Filme, sofern käuflich erwerblich, bereits bei mir im Schrank steht. Auch ist Cyberpunk eins meiner favorisierten Genres. Die Zeichen, dass mir der Film gefällt, standen also eigentlich nicht so schlecht.

Dann wurden Rupert Sanders als Regisseur und Steven Paul als Produzent bestätigt. Nun wusste ich, dass einfach nichts mehr schiefgehen konnte. Schließlich haben sich hier der Regisseur von Snow White and the Huntsman und der Produzent Ghost Rider – Spirit of Vengeance, Baby Geniuses und der Verfilmung von Kurt Vonnegurts Slapstick zusammen getan. Auch die Screenwriter hatten so einiges vorzuweisen, nämlich Street Kings und… jo… das war’s abgesehen von ein paar Serienfolgen eigentlich. Bei so viel ungebremstem Talent würden wir vermutlich den besten Film aller Zeiten vorgesetzt bekommen.

Inhalt, Thematik und Aussage

Fast alle grundlegenden Elemente von Ghost In The Shell sind nicht mehr vorhanden, abgesehen vom Setting, den Namen der Figuren und den „Cyber-Enhancements“. Daher kratzt der Film in Bezug auf die philosophischen Aspekte der Vorlagen nur leicht an der Oberfläche, man möchte schließlich niemanden überfordern. Man hat zwar versucht, hier und da immer wieder bestimmte Punkte anzusprechen, ist dabei allerdings so dermaßen vorsichtig und leise vorgegangen, dass man Sekunden nach der entsprechenden Szene schon wieder vergessen hat, dass überhaupt ein tiefer greifendes Thema angesprochen wurde. Man stelle sich vor, jemand müsste im Kino nachdenken und würde dann umgehend wegen Kopfschmerzen das Studio verklagen…

In einer Szene, die man auch im Trailer sehen konnte, fummelt Scarlett Johansson einer Prostituierten verwundert im Gesicht herum, was vermutlich ihre Frage nach Menschlichkeit unterstreichen soll. Viel tiefgründiger wird es bedauerlicherweise nicht mehr. Diese Versuche sind wie gesagt so platt und kurz, dass sie allerhöchstens nicht weiter stören.

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Zudem mischt diese Fassung von Ghost in the Shell wild Elemente sämtlicher Verfilmungen und Serien zusammen. Was immer gerade als Plot-Element benötigt wurde, wurde irgendwo rausgezogen und verwurstet. Dabei wurden nicht nur verschiedene Figuren oder bestimmte Charakterdesigns aus fast sämtlichen Ablegern zusammengewürfelt, sondern auch diverse Charaktereigenschaften entweder entfernt oder einfach auf einen anderen Charakter übertragen. Da es sich um ein Remake und eigentlich um eine Neuinterpretation handelt, kann man ja von mir aus würfeln und schieben, rausstreichen und dazu erfinden wie man lustig ist, die Änderungen sollten dann aber auch bitte irgendwie Sinn machen.

Ein kleines aber feines Beispiel dafür ist die Figur des Togusa. Er ist einer der wenigen Menschen, der sich keinerlei kybernetische Prothesen hat einbauen lassen. Soweit wie gehabt. Dass er in den Vorlagen eine Familie hat, noch sehr jung ist und eigentlich ein normaler Polizist ist, der durch eine Anfrage von Major Motoko extra zu Section 9 versetzt wurde, ist für die originale Geschichte auch wichtig, da Togusa dort (zu Recht) viel mehr im Vordergrund steht. Aufgrund seines Misstrauens in die Technik verwendet er statt automatischen Waffen immer noch einen Revolver.

In der Neuauflage wird einmal kurz angesprochen, dass er keine Prothesen hat und auch keine will. Das war es dann aber auch. Es ist völlig irrelevant für den Rest der Geschichte und es wird nie wieder Bezug darauf genommen. Warum wurde es überhaupt erwähnt?

In der Filmproduktion gibt es die sogenannte Regel der Drei (Rule of Threes), bestehend aus Set Up, Reminder und Payoff. Es wird ein Plotelement eingeführt, später wird das Publikum daran erinnert und am Ende gibt es eine Szene, in der sich dieses Plotelement sozusagen auszahlt, beispielsweise in einem Gag oder Twist. Hier gibt es also das Setup, Togusa hat keine Implantate. Fertig. Reminder und Payoff? Fehlanzeige. Der Zuschauer wird permanent mit Details versorgt, die allerdings im weiteren Verlauf überhaupt nicht wichtig sind, dadurch erzeugt der Film ein Gefühl der Unvollständigkeit, weil man immer wieder von der Geschichte hängen gelassen wird.

Togusas Revolver wurde dann einfach ohne Erläuterung Takeshi Kitanos Charakter Aramaki zugeschrieben, damit dieser in einer oder zwei Szenen auch mal jemanden erschießen kann.

Auch hier darf man mich nicht falsch verstehen, ich stehe total drauf, wenn Takeshi Kitano Leute erschießt und die Szene ist sehr unterhaltsam, einer der wenigen Momente des Films, bei denen ich ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Allerdings wurde auch mehr und mehr deutlich, dass Takeshi vermutlich nur gecastet, um dem japanischen Publikum einen Grund mehr zu geben, ins Kino zu rennen. Der Aramaki dieses Films ist einfach Beat Takeshi und könnte genauso gut jede der Yakuza-Figuren aus seinen eigenen Filmen sein, schauspielerisch ist da kein Unterschied.

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Der Film ist außerdem leider vollgestopft mit Fanservice, bei dem Szenen aus der alten Fassung nahezu eins zu eins übernommen wurden, aber in dieser Ausführung überhaupt keinen Sinn ergeben. Am schlimmsten wird es im Finale, bei dem ich nur noch mit dem Kopf schütteln konnte.

Spoiler Sektion

Diesen Bereich des Reviews sollte man nun lesen, wenn man den Film gesehen hat, nicht mehr sehen möchte oder es einen einfach nicht interessiert. Aber ich muss dazu einfach was sagen. Im Filmverlauf heißt der Charakter von Scarlett Johansson Major Mira Killian. Ich fand es eigentlich sehr gut, die Figur zu ändern und den japanischen Namen zu verwerfen, wenn man schon keine Japanerin für die Rolle besetzt. Zum Ende hin wurden meine schlimmsten Befürchtungen aber wahr, als auf der Suche nach ihrer eigentlichen Identität der Major herausfindet, dass sie eigentlich eine Japanerin namens Motoko ist, deren Geist in die Scarlett-Hülle verpflanzt wurde. Natürlich trifft sie ihre japanische Mutter und es gibt eine irritierende Szene mit Tee, wegen Emotionen und so Zeugs.

Der Puppet Master, der hier Kuze heißt, ist ein Freund aus Motokos Vergangenheit. Beide teilen dasselbe Schicksal, sie wurden zeitgleich verschleppt, um aus ihnen Cyborg-Superwaffen zu bauen. Bei Kuze ist das leider schiefgegangen, er wurde auf den Müll geworfen und will sich nun rächen. Das ist also der Aufhänger des Films und zeitgleich der Plot-Twist. Ghost In The Shell ist nun ein Amnesie-Rache-Film. Danke Hollywood.

Das Beste kommt zum Schluss. Hier liegen, wie in der Vorlage, nach dem finalen Kampf Kuze und Motoko nebeneinander und eigentlich findet in der Vorlage hier die Verschmelzung des Geists der beiden statt, um als kollektives Bewusstsein die nächste Stufe der Evolution zu erreichen. Kuze möchte hier aber mit Motoko in das von ihm eigens gebastelte Netzwerk verschwinden, (zwischendurch überhört man in der Unterhaltung aufgrund fehlenden Kontexts das Wort „Evolution“) um dort seine Rachepläne fortzusetzen. Motoko lehnt recht unspektakulär ab und sagt, sie ist noch nicht bereit, dieses Leben aufzugeben. Sie ist nun zufrieden mit ihrem Dasein und kann weiter das Böse bekämpfen. Abspann, und ich vermute, warten wir dann mal auf Teil 2.

Spoiler Sektion Ende

Fazit

Hätte nicht Ghost In The Shell drauf gestanden, wäre es zwar ein ein platter, aber nichtsdestotrotz vielleicht noch recht unterhaltsamer Cyberpunk-Sci-Fi-Action-Film mit oft gesehener Story, teilweise ziemlich unterirdischen Dialogen und guter Optik. Wenn man aber mit der Story schon einen so gegensätzlichen anderen Weg gehen möchte, sollten vielleicht nicht über 70% der Szenen des alten Films eins zu eins wiederverwurstet werden, nur um die Bilder im Trailer zu haben und ein paar Fans den „Ah- Guck ma‘! Kenn‘ ich!“-Moment zu bescheren.

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Ghost In The Shell hat aber trotz allem auch ein paar positive Aspekte aufzuweisen. Das Produktionsdesign, die Settings und die Effekte von WETA Workshop sind mal wieder absolut sensationell. Bis auf zwei oder drei CGI-Sequenzen, die aussehen, als wären sie locker zehn Jahre alt, kann man nur sagen, der Film sieht einfach großartig aus. Auch der Soundtrack von Clint Mansell und Lourne Balfe kann sich zudem wirklich hören lassen.

Scarlett Johansson macht zwar wie immer eine gute Figur, allerdings ist dies keine der Rollen, für die man sich keine andere Schauspielerin hätte vorstellen können. Die gesamte Besetzung findet einfach irgendwie statt.

Meine Frau, die das Original nicht kennt, fand den Film „ganz OK“. Wer also ein audiovisuelles Feuerwerk mit gut in Szene gesetzter Action und für das Setting überraschend wenig Substanz, mittelmäßigen Dialogen und eher unauffälliger Schauspielleistung sehen möchte, dem kann ich nur sagen, Horrido und viel Spaß.

5/10

Ein Kommentar zu „Ghost In The Shell (2017)

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