Ghost in the Shell (1995)

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„Your Effort To Remain What You Are Is What Limits You“ – The Puppet Master

Vorwort

Warung: in diesem Text wird der komplette Film von Anfang bis Ende besprochen, daher natürlich viele Spoiler.

Der 1995 erschienene Anime Ghost in the Shell von Regisseur Mamoru Oshii und Screenwriter Kazunori Itō ist nicht nur für Sci-Fi- und Cyberpunk-Filmfans, sondern meiner Meinung nach ganz generell ein Meilenstein der Filmgeschichte und einer der einflussreichsten Genrefilme unserer Zeit. Diverse Blockbusterproduktionen wie die Matrix-Trilogie, I-Robot, James Camerons Avatar oder Steven Spielbergs Vision von Stanley Kubricks A.I. zogen viel Inspiration aus dieser Vorlage, die wiederum auf dem gleichnamigen 1989 erschienenen Manga von Altmeister Masamune Shirow (Appleseed, Dominion, Black Magic – M66) basiert. Obwohl der US Filmkritiker Roger Ebert dem Film seinerzeit drei von vier Punkten gab, sprach er ihm eine Massenkompatibilität ab, womit er letztendlich allerdings wohl nicht ganz richtig lag.

Produktion

Akira hatte 1988 bereits ordentliche Vorarbeit geleistet, japanische Zeichentrickfilme auf dem westlichen Markt zumindest bekannt zu machen, und war eine der ersten großen Animeproduktionen, die neben Lupin’s Das Schloß des Cagliostro und Warriors of the Wind (heute Nausicaä und das Tal der Winde) überhaupt in die deutsche Sprache übersetzt wurde.

Nachdem Akira allerdings selbst in Japan sein Produktionsbudget von 10 Millionen Dollar nicht ansatzweise wieder einspielen konnte, war erst einmal Schicht im Schacht mit großen Kinoproduktionen, bei denen man heimlich ein Auge auf ein westliches Release geworfen hätte.

Ghost in the Shell trat 1995 dann doch den letzten Bremsklotz los, der die Anime-Welle, wie wir sie heute kennen, erst richtig ins Rollen brachte. Man war von der Qualität der Manga-Vorlage so überzeugt, dass vier der größten Produktionsfirmen Japans die Summe von 600 Millionen Yen, also etwa 5 Millionen Euro, bereitstellten. So kam es zu einer Kooperation zwischen Kodansha (Japans größter Magazin- und Manga-Publisher), Production I.G.Manga Entertaintment und natürlich Bandai Visual, die gefühlt für jedes Anime-Release der letzten 40 Jahre verantwortlich zeichnen.

Mit dieser finanziellen Grundlage war es möglich, eine noch nie gesehene Kombination aus Cel-Animation, also klassischer Zeichentricktechnik, und CGI zu erschaffen, die für den damals einzigartigen visuellen Stil des Films sorgte. Eines der ikonischsten Beispiele für die angewandte CGI-Technik ist neben der Introsequenz natürlich Motoko Kusanagis „Thermo-optische Camouflage“, das sie nahezu unsichtbar werden lässt.

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Inhalt, Thematik und Aussage

Das GITS-Franchise erfindet sich immer wieder neu, jede der bereits drei Anime-Versionen (Ghost in the Shell & InnocenceStand Alone Complex bzw Solid State Society und Arise) ist tatsächlich eine eigene voneinander unabhängige Interpretation des ursprünglichen Materials von Masamune Shirow, dessen Comic-Vorlage für jede Adaption in vielen Bereichen stark angepasst wurde. So wurde aus der flapsigen, sarkastischen und sehr sexuell betonten Figur des Majors in dieser Filmfassung die kalte und augenscheinlich vollkommen emotionslose Motoko. Das Ghost in the Shell-Franchise ist zwar auf den ersten Blick immer Sci-Fi-Action, schaut man allerdings unter die Haube, so wird man mit philosophischen Fragen und Aussagen in allen Ablegern geradezu bombardiert.

Motoko
Motoko in Ghost in the Shell (1995), Stand Alone Complex (2002 – 2005) und Arise (2013 – 2015)

In der Welt von Ghost in the Shell hat eine nahezu grenzenlose Verschmelzung von Technik und dem Menschen stattgefunden. Man kann einzelne Körperteile, oder direkt den ganzen Körper durch kybernetische Prothesen ersetzen. Solange dabei der Geist, also das Bewusstsein, erhalten bleibt, gilt man weiterhin als Mensch. Da sich jeder über entsprechende Anschlüsse, zumeist im Genick, in eine Art Internet einloggen kann (was ein paar Jahre später in der Matrix kopiert wurde), können Erinnerungen, Charaktereigenschaften etc. aber durchaus von Kriminellen gehackt werden. Um solche Fälle dreht sich  unter Anderem die Arbeit der Section 9, einer Spezialeinheit, der unsere Protagonisten angehören.

Als plötzlich reihenweise Attentate und kriminelle Aktivitäten von Menschen begangen werden, deren Bewusstsein durch den sogenannten Puppet Master gehackt wurde, tritt Section 9 auf den Plan, um ihn aufzuhalten.

Der Film konzentriert sich dabei auf drei Kernthematiken:

  • René Descartes ontologischen Dualismus, also die Theorie der vollständigen Trennung von Körper und Seele als voneinander unabhängige Entitäten
  • Geschlechteridentifikation und der Konflikt von Motoko Kusanagi, die keinen richtigen Bezug zu ihrer künstlichen Hülle und ihrer augenscheinlichen Weiblichkeit hat
  • Evolution und die Sehnsucht nach Weiterentwicklung resultierend aus körperlicher oder umfeldbedingter Einschränkung

Motoko ist einer der Härtefälle, ihr Bewusstsein lebt in einer vollständig künstlichen Hülle. Dadurch hat sie einerseits übermenschliche Kräfte und kann in ihrem Beruf extrem effizient vorgehen, verliert aber auch immer weiter den Bezug zu ihrem Körper und nimmt sich weder als sexuelle Person, noch überhaupt als Frau wahr. Deutlich wird dies durch ihre Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Partner und besten Freund Batou, der immer wieder mit Scham auf die Tatsache reagiert, dass Motoko kein Problem damit hat, sich komplett zu entblößen. Und obwohl Batou selbst diverse Prothesen hat, stellt er weder seine eigene, noch Motokos Menschlichkeit jemals in Frage.

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Batou legt der unbekleideten Motoko seine Jacke an

Zudem nimmt Motoko ihre körperlichen Defizite mit einer gewissen Resignation hin. So scherzt sie in der Eingangssequenz in der japanischen Originalfassung, dass gewisse Störgeräusche über den in ihren Kopf integrierten Funk bestimmt durch ihre Periode verursacht werden. Diese Stelle ging in der englischen Synchronisation leider verloren, hier antwortet sie „Must be a loose wire“ („Muss ein loses Kabel sein“).

Die eigentliche Bezugsperson für den Zuschauer, wenn auch eine Nebenfigur der Geschichte, bleibt der jüngste und einzige zu 100% menschliche Lieutenant der Truppe, Togusa, der in dieser Welt ohne jegliche Modifikationen eine absolute Ausnahme darstellt, aber gerade durch seinen dadurch einzigartigen Blickwinkel ein Element der Unvorhersehbarkeit zum Section-9-Team beiträgt.

Im Verlauf des Films erfährt man, dass der Puppet Master nicht, wie zunächst vermutet, eine echte Person, sondern eine künstliche Intelligenz ist, die ein eigenes Bewusstsein erlangt hat und die sich nun über das Netz Zugang zu immer neuen „Hüllen“ bzw. Trägern verschafft, um diese für seine Zwecke zu missbrauchen. Durch diese Tatsache bekommt die Frage nach der Definition von Menschlichkeit eine neue Bedeutung. Da Motoko keinen menschlichen Körper hat und sich in ihrer Hülle gefangen fühlt, sieht sie viele Ähnlichkeiten zwischen ihrer Situation  und der des Puppet Masters, und genauso weckt anders herum Motokos Situation sein Interesse.

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Eine der Hüllen des Puppet Master

Zudem stellt sich heraus, dass der Puppet Master von Section 6, einer Division des japanischen Außenministeriums, als digitale Waffe für Spionage und terroristische Aktivitäten entwickelt wurde, bevor er ein eigenes Bewusstsein entwickelte und fliehen konnte. Section 6 heftet sich daher ebenfalls an seine Fersen und versucht, die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Da der Puppet Master sich als künstliche Intelligenz weder fortpflanzen noch sterben kann, sucht dieser nun einen Weg der Weiterentwicklung. Er fasst den Entschluss, seinen Geist mit Motokos zu vereinen, um als kollektives Bewusstsein eine höhere Stufe der Evolution zu erreichen. Nach dem finalen Kampf zwischen den beiden und einem anschließenden Dialog willigt Motoko ein und lässt die Symbiose zu, da sie begreift, wie sehr sie unter ihren körperlichen Einschränkungen als Gefangene in einer künstlichen Hülle leidet .

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Während des Kopplungsprozesses werden beide Hüllen durch das Eingreifen von Section 6 zerstört. Batou kann jedoch Motokos Cyber-Gehirn retten und baut es heimlich in die Hülle eines Androidenmädchens ein, um Motoko auf diese Weise vor Section 6 zu verstecken.

Motoko zitiert zum Schluss einen Auszug aus dem ersten Brief von Paulus an die Korinther, wodurch sie deutlich macht, dass sie gemeinsam mit dem Puppet Master als ein Bewusstsein die nächste Stufe der Evolution erreicht hat.

„Als ich ein Kind war, waren meine Gedanken und Gefühle die eines Kindes. Jetzt bin ich erwachsen geworden und kindliche Weisen sind mir fern. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

Fazit

Wie erwähnt, hatte der Film das nötige Budget und extrem viel Talent im Rücken. Ghost in the Shell zählt für mich noch bis heute zu einem der fünf besten Anime-Streifen, die ich jemals gesehen habe. Alles ist hervorragend in Szene gesetzt alles in allem hat der Film eine gute, teilweise schon meditative Erzählstruktur. Die Action erzeugt, wenn auch sehr rar gesäht, den nötigen Druck und die Kombination aus CGI und klassischem Zeichentrick ist zwar etwas in die Jahre gekommen, aber noch immer sehr gut anzusehen.

Dass so viel Material und Thematik in 81 Minuten untergebracht wurde, grenzt fast schon an ein kleines Wunder. Wer sich nicht an Anime typischer „Exposition“ stört, also viele den Hintergrund erläuternde Dialoge, wird hier definitiv glücklich.

Die Musik von Kenji Kawai, der auch für dutzende  andere Projekten wie die Ranma ½-Reihe, die ersten beiden japanischen The Ring Filme sowie Mamoru Oshiis Avalon seinen Beitrag geleistet hat, hat hier einen Soundtrack komponiert, der eine so dichte Atmosphäre schafft, dass man sie nicht einmal mit dem Messer schneiden könnte. Der Titelsong, ein in Yamato (altjapanisch) geschriebener Chorgesang, der die Entstehung von Motoko Kusanagi in der Anfangsmontage begleitet, hat sich zusammen mit den dazugehörigen Bildern für immer in mein Hirn eingebrannt.

Bezüglich der Synchronisation muss ich zugeben, dass ich den Film nur in seiner englischen Fassung kenne und auch vermutlich etwas durch Nostalgie beeinträchtigt bin, finde sie aber hervorragend, auch wenn der erwähnte „Perioden-Übersetzungsfehler“, bzw. vermutlich war es eine absichtliche Änderung, meiner Meinung nach eine wichtige Verdeutlichung zu Motokos Charakter beschneidet.

Kurioses

1999 erlangte der Film einen zusätzlichen und großen Bekanntheitsschub durch das Release des Musikvideos zu einem Roy Malone Remix von Wamdue Projects „King of my Castle“, das komplett aus Filmsequenzen von Ghost in the Shell bestand.

Bereits 2008 kaufte Steven Spielberg als bekennender Ghost-In-The-Shell-Fan die Rechte für eine Realverfilmung für seine Produktionsfirma Dreamworks ein und versuchte lange Jahre, die Umsetzung des Remakes zu verwirklichen. Das Ergebnis läuft diesen Donnerstag im Kino an, das zugehörige Review findet Ihr hier.

Bei Release 1996 auf VHS wurde das englischsprachige Tape von Manga Entertainment in Deutschland mit einer FSK 16 veröffentlicht. Fast zeitgleich erschien für eine kurze Zeit die erste deutsche synchronisierte Verleih-Fassung auf VHS, die bei derselben Lauflänge das FSK 18-Siegel erhielt, um sehr schnell in einer zweiten Auflage wieder auf FSK 16 heruntergestuft zu werden.

Schlusswort

Ghost in the Shell war bereits damals und ist auch heute noch etwas vollkommen anderes und gefällt bestimmt nicht jedem. Wie Akira ist der Film gespickt mit philosophischen Anspielungen und viel wird durch lange Dialoge, aber ebenso viel durch die Bildsprache und die Darstellung der Charaktere erläutert. Es ist meiner Meinung nach wirklich eine Glanzleistung, so viel Subtext in einem doch sehr kurzen Film unterzubringen, und sich noch Zeit für coole Actionsequenzen und ruhige, fast schon meditative Momente zu nehmen.

Der Titel ist und bleibt trotz oder vielleicht gerade wegen seiner komplizierten Thematik für mich ein absolutes Meisterwerk.

10/10

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