Was genau wollt Ihr eigentlich alle?

Na endlich! Nach dem Hype um Julia Engelmanns „One Day/Reckoning Text“ vom fünften Bielefelder Hörsaal-Slam aus dem Jahr 2013 bin ich mal wieder über einen künstlerischen Beitrag gestolpert, der uns vor Augen führt, was für Schafe wir doch eigentlich sind, dass wir uns in ein System einfügen, einfach so arbeiten gehen um Geld zu verdienen, schlussendlich vom Alltag auffressen lassen und darüber vergessen, dass wir mit unseren Kindern in Wirklichkeit nur frei herumlaufen und glücklich sein sollten, ohne sie dabei in Schablonen pressen oder zurechtstutzen zu müssen. Dabei tanzen wir ein bisschen auf Häuserdächern und singen Lieder, ohne den Text zu kennen, denn wir sind eben voll crazy.

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Sarah Leschs Song „ Testament“ macht jetzt schon seit ein paar Monaten auf Facebook die Runde, der Text setzt sich mit einigen Problem unserer Gesellschaft auseinander, besonders in Bezug darauf, wie wir uns im Kreislauf von Arbeit und Konsum verlieren und bei alledem noch unsere Kinder irgendwie großziehen. Dazu muss ich eins vorweg loswerden, ich mag das Lied. Es ist ein cleverer Text, unterlegt mit einer sehr guten Liedermachermelodie, die mich an die besten Zeiten von Hannes Wader erinnert, den ich, auch wenn ich eher Metal höre, immer noch für einen der größten Deutschen Songschreiber halte. Wenn man bei „Testament“ zuhört, kommt man nicht umher, sich zumindest einen Moment über sich selbst zu ärgern, über all den, im Endeffekt, belanglosen Mist, den man zuhause rumliegen hat. Man fühlt sich sofort angesprochen, denn auch wenn jeder seinem eigenen Glück nachjagt und versucht, sich zu finden und über seine Hobbys oder den Job zu definieren (wenn man Glück oder Pech hat, ist es sogar ein und dasselbe) ist das Leben irgendwie für alle gleich. Man steht auf, tut den Großteil der Woche im „Idealfall“ etwas, um Geld zu verdienen, benutzt dieses Geld um einzukaufen, die Miete zu bezahlen, die Kinder einzukleiden und sich irgendetwas zu gönnen, das einem ein kurzzeitiges oder langzeitiges Glücksgefühl gibt, worüber wir zu oft die Bedürfnisse unserer Kinder vernachlässigen, mal aus Zeitgründen, mal weil wir einfach zu fertig sind.

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Sarah Lesch

Jeder hat natürlich sein eigenes Verständnis von Glück. Manche Menschen sind von ganzem Herzen Eltern, manche sind Sammler, andere sparen jeden Cent für Reisen um die Welt, wieder andere geben alles für Equipment ihrer Hobbys aus, sei es Instrumente, Sportgeräte etc., oder man ist vielleicht ein bisschen von alledem.

Aber wenn ich länger über Texte wie den von „Testament“ nachdenke, die im Endeffekt von der Loslösung von Konventionen handeln und davon, Kinder freier zu erziehen und dabei der starren Konsumgesellschaft den Mittelfinger zu zeigen, dann frage ich mich, wie weit soll man sich denn eigentlich davon lösen und wie hoch soll ich den Mittelfinger halten? Was ist Freiheit, wo haben wir verlernt, uns zu spüren? Machen wir alles dem Erdboden gleich und gehen zurück in Holzhütten ohne Strom, ohne fließend Wasser? Oder ist das dann doch zu weit zurück gedacht? Ist es erlaubt, dass ich mit anderen Menschen Tauschgeschäfte mache, weil vor meinem Haus Kartoffeln wachsen, der andere aber ein eierlegendes Huhn zähmen konnte und ich somit am Ende doch wieder Handel betreibe? Oder muss ich morgens aufwachen und sofort anfangen, zu jagen und Beeren zu sammeln, damit ich meine vier noch lebenden von ursprünglich sieben Kindern ernähren kann?

Wer den Alltagsstress nicht aushält, in dem wir nach dem „Malochen für erfundene Zahlen“ in unseren geheizten Wohnungen und Häusern abends bei einem gemeinsamen Essen zusammensitzen, der ist mit Sicherheit auch nicht besser aufgehoben in der Welt, die sich Tyler Durden in Fight Club ausgemalt hat, und in der ich „Elche durch die feuchten, bewaldeten Schluchten rund um die Ruinen des Rockefeller Center“ jage, also im Klartext zu jeder Zeit um mein Überleben kämpfen muss.

Denn diese Überlebensangst ist genau das, wovon sich unser System in den Industrienationen konsequent entledigt hat, ein System, in dem Menschen aber die Sehnsucht haben, aus diesem System auszusteigen. Im Kern ist das heutige Leben vermutlich genauso trist wie zur Steinzeit. Der Unterschied zum Leben als Höhlenmensch ist nur der, dass ich irgendwann Feierabend habe und einen trinken gehen kann, statt nach drei Tagen mit meiner Familie zu verhungern, weil ich mich nicht genug beim Jagen angestrengt habe. OK, und natürlich, dass die Medien mir hingegen permanent vorgaukeln, dass das Leben aller anderen immer noch viel aufregender ist als mein eigenes.

Und wenn jetzt kommt: „Also, so war das ja nicht gemeint“, dann bin ich mir sicher, dass sich meine Frage aus dem Titel auch auf eine mit warmem Instagramfilter überzogenen Fantasiewelt übertragen lässt, in der wir morgens bei angenehmen Temperaturen zum Sonnenaufgang aus unserer Blockhütte über die von Tau bedeckte Wiese schreiten, jung und Hand in Hand in Zeitlupe in den kristallklaren See springen, an dem wir wohnen, um anschließend  lachend, mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen, in nur 10 Minuten, tief durchatmend, mit dem Fahrrad über grüne Auen zum nächsten Bauernhof radeln, wo wir von glücklichen Tieren unsere Eier-, Milch- und Fleischprodukte kaufen, bezahlt von Geld, das wir mit Arbeit verdient haben, die ehrlich ist, die Natur respektiert und uns glücklich macht.

Dann entgegne ich dem einfach: Sehr schön. Aber erstens kann nicht jeder die Möglichkeit haben, so zu leben, denn dafür sind wir zu viele Menschen für zu wenig Blockhütten an Kristallseen, und zweitens ist ja ein 0-8-15-H&M-Werbespot vielleicht nicht jedermanns Traum vom Leben. Mich würde das auf jeden Fall nach den 30 Sekunden, die der Spot dauert, ziemlich langweilen. Aber da spricht vielleicht auch das Stadtkind aus mir.

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Na, ist Euer Leben auch so geil, dass Ihr Euch den Kopf kraulen müsst??

Und findet diese Verrohung unserer Gesellschaft wegen Internet und angestautem Alltagsstress in der Form, wie uns das alle weismachen wollen, überhaupt statt?

Ich bin jetzt 36. Als meine Eltern noch klein waren, gab es das Wort „Burnout“ zwar nicht, man ertränkte aber dafür seine Depressionen, falls man welche hatte, vermutlich lieber nach Feierabend in Alkohol, anstatt sich in Therapie zu begeben. Psychotherapie war früher schließlich nur was für Irre. Es gab kein Facebook, kein Internet, keine 547 Fernsehsender, kein Netflix und noch nicht einmal Plastikspielzeug. Waren meine Eltern im Kindesalter glücklicher, in der sie selbst von einer ganzen Generation Kriegsgebranntmarkter großgezogen wurden? Das Schulsystem war viel starrer und verkopfter als heute, mein Vater wurde noch von seinem Lehrer mit dem langen Holzlineal oder wahlweise dem dicken Schlüsselbund verprügelt, wenn er im Unterricht nicht gespurt hat und man war als Außenseiterkind noch ausgegrenzter als heute.

Das Bewusstsein für eigentlich alles, das die heutigen Generationen an den Tag legen, gab es in diesem Umfang nicht. Erinnert Ihr Euch noch an den Abgasgestank in den deutschen Städten der 80er Jahre? Gab ja kein KAT. Und in Gutenachtgeschichten wurden Kindern die Daumen abgeschnitten, sie sind ertrunken, wenn sie beim Gehen nicht geradeaus geschaut haben, oder verhungert, weil sie ihre Suppe nicht essen wollten. Wusstet Ihr, dass der Wolf in Rotkäppchen die Großmutter ursprünglich nicht gegessen, sondern gekocht und Rotkäppchen als Dinner serviert hat? Die hat die soeben verspeiste Oma dann zum Abschluss mit deren Blut, das ihr vom Wolf als Rotwein verkauft wurde, heruntergespült. Ja, so geht das Märchen im Ursprung. Da gab es keine FSK, keine Zensur und kein „Kindgerecht“.

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Das Krümelmonster musste 2007 im amerikanischen Fernsehen bei Martha Steward klar stellen, dass Kekse nur ein „Sometimes Food“ sind, Lucky Luke hat geraucht wie ein Schlot… überhaupt wurde überall geraucht bis zum Umfallen, in Restaurants, Kneipen, Kinos, Flugzeugen und nicht zuletzt in geschlossenen Autos mit den Kindern auf dem Rücksitz, weil man es ja „nicht besser wusste“. Nach einem Samstagabend konnte ich in den späten 90ern meine komplette Garderobe inklusive Jacke in die Waschmaschine schmeißen, weil alles so dermaßen nach kaltem Rauch gestunken hat, und das habe ich als Raucher gemacht, der in seinen Hochzeiten an einem Samstag locker bis zu 40 Zigaretten weggezogen hat.

Die Verbrechensrate ist seit den 90ern in Deutschland immer in etwa im selben Rahmen geblieben, die Todesopfer durch aktuelle Kriege sind laut Statistiken niedriger als noch in den 70er Jahren und wir leben alles in allem wesentlich bewusster, als jemals zuvor, auch wenn sich das nicht so anfühlt, aber der Unterschied zwischen den von selbst erschaffenen Echokammern oder „Filterblasen“ wie Facebook erzeugten Gefühlen und den zugrunde liegenden Fakten ist ja aktuell der eigentliche Kern nahezu jeder politischen Debatte in diesem Land. Man wird überall auf alles aufmerksam gemacht, ob man will oder nicht. Hätte ich den Großteil meines Lebens ohne Dauerbeschallung durch die Medien zugebracht, also zu einer Zeit gelebt, wo es noch Sendepausen gab, oder überhaupt keinen Fernseher, würde ich auch denken, dass alles immer schlimmer wird als früher.

Es gibt aber keine Styroporverpackungen mehr bei McDonalds, und wer glaubt, dass die Missstände in der Massentierhaltung heute schlimmer als in den 60ern, wo Printmedien, TV und Internet sich nicht wie hungrige Wölfe auf alles gestürzt haben, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für Klicks und Einschaltquoten auf sich gegenseitig fressende Hühner zu lenken, um am Ende wieder Werbeplätze zu verkaufen, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

Das Internet hat ein komplexes Tor aufgestoßen. Eine Möglichkeit, einen direkten Blick auf das Leben anderer zu werfen, sich selbst in besserem oder schlechterem Licht darzustellen als man eigentlich ist, Wahrheit oder verlogene Propaganda zu verbreiten und eine Möglichkeit, Informationen am Fließband zu konsumieren um aus Scheiße Geld zu machen, jederzeit, überall. Man muss alles wissen, alles gesehen haben, Zeit sparen, online shoppen und natürlich Bilder von sich auf Instagram posten auf denen ich mich gerade mit all meinen wunderschönen Freunden lachend und tanzend zu Young Blood von The Naked And Famous im Kreis drehe.

Das alles hat jeder von uns schon tausendmal gehört, und alleine das Schreiben des vorigen Absatzes hat mich gerade selbst zu Tode gelangweilt. Das Problem ist meiner Meinung nach nicht, dass es all diese Dinge wie (*Gruselstimme an*) DAS INTERNET (*Gruselstimme aus*), Smartphones und Flatscreens überhaupt gibt, sondern wie wir uns entscheiden, mit diesen Dingen in unserem Alltag umzugehen, vor allem, wenn wir Verantwortung für die Entwicklung unserer Kinder tragen. Es kann doch nicht sein, dass eine Handpuppe meinen Kindern in einem Interview mit Martha Steward erklären muss, dass man sich nicht hauptsächlich von Keksen ernähren darf. Ist das nicht meine verdammte Aufgabe? „Cola gibt es nicht, Du bist erst vier! Hier, trink Wasser!“ Ist doch eigentlich ganz einfach… Oder nicht?

Neues macht vielen Menschen Angst. Man muss sich permanent informieren und dazulernen, um sich dann mit wachsender Geschwindigkeit umstellen, und Umstellung ist immer anstrengend. Man weiß ja nicht, was passiert und ich bin mir sicher, dass ein Jeder mit Veränderungen auch schon schlechte Erfahrung gemacht hat.

Während meine Eltern noch Angst davor hatten, dass ich viereckige Augen bekomme, wenn ich mehr als eine halbe Stunde am Tag fernsehe, oder dass mir im Kindergarten fremde Menschen Süßigkeiten mit eingebackenen Rasierklingen schenken, muss sich meine Generation Lösungen dafür einfallen lassen, dass unsere Kinder sich nicht schon in der Grundschule mit ihren Handys Filmchen über WhatsApp hin und herschicken, in denen Frauen sich von Hunden ficken lassen. Oder dass sie einfach gar nicht mehr von Twitter, Snapchat, oder welche App auch immer in 10 Jahren dann aktuell ist, loszukriegen sind.

Dafür müssen wir aber auch wissen, was Snapchat ist, oder wie man Inhalte im Internet blocken kann, damit sich mein Kind nicht still und heimlich mit 13 am Tablet Filme anschaut, die für ihr Alter nicht geeignet sind.

Wir müssen uns anpassen, permanent neu finden und definieren, uns entscheiden für die nach unserem gut Dünken richtige Mischung aus Strenge und Nachsichtigkeit und sind dabei immer beeinflusst von der Erziehung, die wir selbst erfahren haben. Dann versuchen wir noch, die Dinge, die wir heute an den Erziehungsmethoden unserer Eltern für unsinnig erachten, herauszufiltern und stattdessen neue, eigene Entscheidungen zu treffen, um dabei vielleicht erneut Fehler zu machen, die dann unsere Kinder bei der Erziehung ihrer Kinder versuchen herausfiltern.

Ist das jetzt schlechter oder schlimmer als früher? Sogar das Bewusstsein für Kinderspielzeug geht wieder in eine andere Richtung. Holzspielzeug ist im Trend und es gibt mehr wundervolle und vor allem kindgerechte Kinderbücher als jemals zu vor. Man bekommt unbegrenzte Mittel zur Verfügung gestellt, seinem Kind in jüngsten Jahren Toleranz gegenüber anderen beizubringen und braucht nur zugreifen. Ich habe als Kind noch Lieder geträllert, in denen meine Tante aus Marokko auf zwei Kamelen angehoppelt kommt, dabei mit Pistolen in die Luft schießt und wir anschließend zusammen ein Schwein schlachten. Hoppedihop! Oink Oink!

Auch Ritalin war mal neu. Und die Textzeile aus „Testament“, in der das hibbelige Kind eine Pille bekommt ist zwar vielleicht nicht kategorisch falsch, aber in meinen Augen auch nicht mehr wirklich zeitgemäß, denn der Ruf von Ritalin hat in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit stark gelitten, wird unter anderem als „Kinderkoks“ bezeichnet, und das meiner Meinung nach zurecht. Aber auch in diesem Zusammenhang war früher vielleicht nicht alles besser, die Geschichte wiederholt sich einfach immer wieder. Bayer hatte bis 1931 mit Heroin einen echten Verkaufsschlager, bis sie es schlussendlich vom Markt nehmen mussten… aus… Gründen.

Es wäre vielleicht eine gute Idee für manche Eltern, das Verhalten und die Konzentrationsfähigkeit ihrer eigenen Kinder mal auf Dinge wie Ernährung und Zuckerkonsum oder mangelnde Bewegung zurückzuführen, sowie vielleicht in Erwägung zu ziehen, dass der Nachwuchs das Verhalten seiner Eltern permanent spiegelt und alles, was uns da sauer aufstößt, nur die Kinderversion unseres eigenen Fehlverhaltens ist. Das ist bestimmt auch nicht immer die Lösung, aber mit Sicherheit öfter, als mancher denkt.

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Und es passen auch alternative Schulsysteme nicht für jeden. Ich bin auf eine Montessori-Grundschule gegangen, in der man die ersten vier Stunden in sogenannter Freiarbeit verbringt. Man kann sich in einer Klasse, in der kleine Gruppen der ersten vier Jahrgänge zusammen in einem Raum sitzen, an Schränken bedienen und sich dort Aufgaben selbst aussuchen, um diese dann alleine zu lösen. Der Fokus liegt hierbei auf selbstbestimmtem Lernen sowie individuellen Bedürfnissen und Talenten der Kinder.

Es hätte für mich wohl kein schlechteres Schulsystem geben können. Ich konnte die ersten vier Stunden am Stück den Lenz machen, und niemanden hat es interessiert. Ich war clever genug um Aufgaben zügig zu lösen, den Rest der Zeit hatte ich dann Gelegenheit zum Quatschen und für anderen Schwachsinn, durfte mich nur nicht erwischen lassen.

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Wer argumentieren möchte, dass das ja schön ist und zur Freigeist-Entwicklung beiträgt, der kann sich vielleicht gerade nicht vorstellen, wie es für Kinder ist, die aus so einem System in die Realität einer weiterführenden Schule ohne Platz für Freigeister katapultiert werden. Ich hatte keinen Schimmer, wie man richtig lernt und sich sechs bis sieben Unterrichtsstunden hintereinander konzentriert, die Quittung dafür waren direkt zwei Fünfen in der fünften Klasse.

Heute, mit bald 37, glaube ich, den Grundgedanken von Schule begriffen zu haben, nämlich zu lernen wie man lernt. Der Inhalt spielt keine Rolle, ob Mathe mich langweilt oder ich nicht malen kann. Ich muss mich mit diesen Situationen und für mich herausfordernden Aufgaben auseinandersetzen können, denn im Erwachsenenalter hilft einem ja auch keiner mehr und die Lernerei hört niemals auf. Die Antwort auf die Frage: „Wann zum Geier brauche ich den Mist denn im Leben?“, muss lauten: „Jetzt“.

Es wäre natürlich schön, wenn alle Lehrer das ähnlich sehen würden und das Schulsystem sich flächendeckend darauf einstellen könnte/würde, dass nicht alle Kinder gleich ticken bzw. lernen können. Und selbst wenn, müssen wir uns der Tatsache bewusst sein, dass dann trotzdem nicht jeder später einmal Freigeist, Musiker oder Schriftsteller werden kann. Nicht weil kein Platz ist, sondern weil es auch Menschen gibt, die nicht die Fähigkeiten oder das Interesse daran haben, Berufsmusiker, Kleinkünstler oder Schriftsteller zu werden und die lieber als Kinder zuhause allein gepuzzelt oder gelesen haben anstatt wild schreiend durch den Wald zu rennen oder den ganzen Tag über zu musizieren. Vielleicht wird meine Tochter doch keine Stand-Up-Comedian (was ich aktuell irgendwie für wahrscheinlich halte), sondern Postangestellte. Wer weiß das schon.

Ich bin davon überzeugt, dass die „Verrohung“ unserer Gesellschaft eher stagniert, vielleicht geht sie sogar ein bisschen zurück. Unser Leben ist auch mit Nine-To-Five-Job nicht zwangsläufig trist und grau und ich sage, dass bei unserem System auch „Weltfremde“, „Außenseiter“ und „Aussteiger“ nicht abseits stehen, sondern natürlich ein Teil des Ganzen sind. Sonst hätte ich keinen Bürojob, Sarah Lesch keinen Plattenvertrag und der Auftritt von Sarah Engelmann bei Campus.TV auf Youtube keine 10 Millionen Klicks.

 

 

Ein Kommentar zu „Was genau wollt Ihr eigentlich alle?

  1. Dinge, die mich nachdenklich machen…

    ich kann jeden nur beglückwünschen, der diesen klaren Gedanken folgt (und den Autor natürlich dafür, sie zu haben) und für sich erkennt, dass er selbst wiederholt in diese Marketingfalle tappt, die wir modernes Leben nennen.

    Ich kann mir anmassen, es besser zu wissen und nach fünf Minuten Diskussion als Lügner entlarvt werden – daher nur kurz ein Gedanke, der mir persönlich hilft, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich „morgens lachend über die Wiese rennen und anschliessend im kristallklaren See vor meiner Hütte baden gehen möchte“…

    Frage wiederholt und eindringlich: „was ist echt?“
    Die Fähigkeit des Menschen, sich Dinge vorzustellen und Ideen zu haben, unterscheidet ihn wohl massgeblich vom Rest der Säugetierbevölkerung auf diesem Planeten. Aber wenn ich nicht zwischen „Gedachtem“ und „Echtem“ unterscheide, ist sie kein Vorteil. – Soll heissen, ich muss in allem hinterfragen, was davon ist „Marketing“ und anschliessend bewerten, ob der „echte“ Anteil einer Sache ausreicht, um sie haben zu wollen oder in mein Leben zu integrieren.

    Oder anders gesagt, wann funktioniert etwas nur weil ich daran glaube? – Und wem entsteht letztlich ein Vorteil dadurch, dass ich es tue?

    Die Frage ist für mich persönlich immer dann relevant, wenn ich mich „auf die Wiese“ wünsche, weil die Dosis dessen, was ich gerade als „Leben“ erleben muss, zu hoch ist.
    (Man beobachte sich selbst und frage sich, wie oft man „zurück zur Natur“ gelangen möchte, wenn einen gerade nichts belästigt.)

    Alternativ oder als nächstes muss die Frage beantwortet werden „wieviel ist genug?“.
    Bei Kaffeetasse und Badewanne ist schnell klar, wieviel reingeht.
    Bei uns selbst ist das Fassungsvermögen leider nicht so klar definiert. Und während ich rein körperlich in der Lage bin, mich nach zu viel Essen zu übergeben, um meinen Körper von der Überlast zu befreien, gelingt meinem Gehirn das nicht so gut, wenn es zu viel abbekommen hat…

    Daher der Rat – sei selbstbewusst, erkenne „Geglaubtes“ und sitz einfach mal einen Moment still. – die „echte Welt“ kann eine Offenbarung sein –

    Alle anderen gehen gerne weiter genervt auf Bio-Eierschalen durchs Leben, schliessen sich einer Meinung auf Facebook an und essen ihr Schnitzel (heimlich und mit schlechtem Gewissen) nicht „auf der Wiese“ sondern am Esstisch von IKEA, bekleidet mit einem Designer T-Shirt von H&M und dem unschönen Gefühl, dass nichts in Ordnung ist (obwohl das Shirt einen nachhaltigen Bio-Baumwollanteil von 6 %, für dessen Herstellung fair gehandelte, ägyptische Rohstoffe resourcenschonend eingesetzt wurden, hat)

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