Hardcore Henry

MondoHardcore

Hintergrund

2013 erschienen die Songs The Stampede und Bad Motherfucker der russischen Punk-Band Biting Elbows. Diese beiden Songs wurden in einem über sieben-minütigen Musikvideo zusammengefasst, bei dem der Sänger der Band, Ilya Naishuller, auch gleich die Regie übernahm. Das Video, welches mit einer GoPro gefilmt wurde, zeigte die Flucht eines Mannes aus einem Bürogebäude, komplett gefilmt aus der Ego-Perspektive des Protagonisten.

Das war zu diesem Zeitpunkt natürlich nichts neues. Bereits 1997 hatte einer der berühmtesten Regiesseure für Musikvideos, Jonas Åkerlund, für den Prodigy-Song Smack My Bitch Up eine ähnliche Technik verwendet und damit ebenfalls für großes Aufsehen gesorgt, und auch Franck Khalfoun hat 2012 mit dem Remake zum 1980er Slasher-Klassiker Maniac einen kompletten Spielfilm in dieser Perspektive runtergekurbelt.

Trotz allem fand Biting Elbows – Bad Motherfucker aufgrund der rasanten Action Beachtung und somit konnte Naishuller neben Shartlo Copley und dem Wanted-Regiesseur Timur Bekmambetov diverse andere Produzenten dazu bewegen, einen komplett in diesem Stil gedrehten Spielfilm zu finanzieren. Ein Teil wurde zudem durch Crowdfunding zusammengetragen, was das Gesamtbudget auf etwa zwei Millionen Dollar brachte.

Hardcore, wie der Film zunächst im Original (und auch bei Release in Deutschland und anderen Ländern) hieß, war beim Toronto Film Festival 2015 ein so einschlagender Erfolg, dass sich gleich drei Studios darum rissen, die Rechte für den weltweiten Vertrieb zu erwerben. Die beiden großen Parteien, Lionsgate und Universal, verloren gegen den Filmbranchenneuling STX Entertainment, welcher den Zuschlag für etwa 10 Millionen Dollar erhielt und den Film unter dem Titel Hardcore Henry am 8. April 2016 in die US-Kinos brachte.

Der Film

Man muss definitiv wissen, worauf man sich hier einlässt, denn der Fokus liegt einzig und allein auf dem Erlebnis eines Actionfilms in der Ego-Perspektive. Die Story ist ausschließlich Mittel zum Zweck und dient nur dazu, dem Zuschauer bestimmte Elemente, Stunts und Locations zu zeigen und nicht wirklich dazu, tatsächlich eine gut konstruierte Geschichte zu erzählen.

Warum genau ist Henry zu Beginn verstümmelt? Klar, damit er im Robocop-Style die Cyborg-artigen Gliedmaßen angeschraubt bekommt, die ihm übermenschliche Kräfte verleihen. Das ist natürlich nur deshalb wichtig, damit die Action noch wilder und überzogener dargestellt werden kann.

Warum kann er nicht sprechen? Sein Sprachmodul ist noch nicht installiert… das ist natürlich ebenfalls deshalb praktisch, weil Henry von neun verschiedenen Stuntleuten sowie dem Regiesseur selbst gespielt wird.

Oder vielleicht fragt man sich, warum der Bösewicht telekinetische Fähigkeiten hat. Wird im Film nicht erwähnt, macht das Finale aber visuell wesentlich spektakulärer. Man kann dieser Frage zwar tatsächlich in einem Comic mit dem Titel Hardcore Akan auf den Grund gehen (Spoiler Alarm: Es hat etwas mit Tschernobyl zu tun), aber solche Beiwerke gehen an normalen Kinogängern wohl doch eher vorbei. Man sieht also, die Geschichte ist wirklich Nebensache.

Schon in seinem Musikvideo baute Naishuller ein Teleportations-Gerät in die „Story“ ein, um sich herausnehmen zu können, ohne großartige Erläuterung mit schnellen Übergängen sehr kurz aufeinanderfolgend  viele verschiedene Locations zu zeigen. Und unter einem ähnlichen „Problem“ leidet auch die (zugegebenermaßen völlig irrelevante) Story von Hardcore.

Die immer wieder auftretende Frage „Warum passiert jetzt gerade *dieses und jenes*??“ wird vom Film daher im Grunde fast durchweg mit „Egal, sieht doch aber cool aus“ beantwortet.

Kann man mit diesem Umstand sowie mit der Tatsache, noch wirrere Charaktere, Dialoge und „Handlungsstränge“ präsentiert zu bekommen, als bei Crank 2, leben, der hat mit Hardcore bestimmt seinen Spaß. Alles, was man an Figuren überzeichnen kann, wird hier gnadenlos und bis zum Anschlag überreizt.

Sharlto Copley, den ich wirklich gerne sehe, kann hier in den verschiedenen Versionen seiner Figur Vollgas geben und geht in dem ganzen Filmkonzept völlig auf, im Gegensatz zu ein paar anderen Schauspielern wie z.B. Darya Charusha, die ich vorher nicht kannte und der ich „Katja The Dominatrix“ nicht ganz abgekauft habe. Dafür hat sie überraschenderweise den Soundtrack zum Film komponiert, der absolut reinhaut.

Selbsterklärend sollte natürlich man nicht unter Motion Sickness leiden. Die Produktion von Hardcore ist diesbezüglich übrigens nicht vergleichbar mit der vom 2012er Maniac mit Elijah Wood. Während bei Maniac mit einer extrem hochwertigen digitalen Filmkamera gearbeitet wurde, und daher trotz der Egoperspektive ein doch sehr gradliniges Filmerlebnis in Bezug auf Framing, Motion, Schnitte und Sound entstanden ist, kann man Henry in Hardcore durch die Verwendung der GoPro Hero3 Black Edition ab und zu schwer folgen, da das Bild neben der leichten Fischlinsenoptik manchmal sehr hektisch und verwackelt ist.

Fazit

Ich habe mich natürlich nie mit Naishuller unterhalten, aber der Einfluss der beiden Crank-Filme sowie dem ersten Teil des Ego-Shooters Call Of Duty – Modern Warfare (die Mission All Ghilled Up in Tschernobyl wird hier schon fast schamlos kopiert) absolut unverkennbar.

Das rasante Tempo mit den durchweg großartigen Stunts, die extrem beeindruckend in Szene gesetzte Non-Stop-Action und der, auch an den heutigen Standards gemessene, unglaublich hohe Gewaltgrad machen Hardcore zu einem spektakulären Gesamtwerk. Dazu kommt der sensationelle Soundtrack und ein Sharlto Copley in überdrehter Bestform. Außerdem sieht man hier zu Beginn einen neuen Eintrag in die Top 10 der coolsten Opening Credits aller Zeiten.

Es hat bei mir komischerweise ein bisschen gedauert, bis das Konzept „Wir machen hier einfach, bitte nicht denken und genieß‘ die Show“ im vollen Umfang angekommen ist. Man kennt das zwar von anderen Filmen, hier erreicht es allerdings völlig neue Dimensionen. Als dieser Punkt dann endlich erreicht war, und ich mich nicht mehr mit dem permanenten „Hä??“ in meinem Kopf rumschlagen musste, konnte ich mich sehr gut auf den Film einlassen. Ich verstehe völlig, wenn es vielen nicht so geht, aber für das, was der Film ist, bekommt er von mir eine 8/10.

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