Früher war mehr Lametta

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… oder warum „früher war alles besser“ völliger Bullshit ist.

Wäre ja nicht mein Text, wenn es sich nicht um Popkultur drehen würde. Ich liebe Retrokram und ich kenne viele Leute, die ebenfalls auf alte Videospiele, Musik, Comics und Filme stehen. Aber eine Sache geht mir mittlerweile total auf den Senkel, und zwar diese permanente Jammerei. Niemand heult mehr rum, wie toll in Bezug auf Popkulturelles früher alles war, als meine Generation. Die Millenials. Generation Y. Digital Natives oder wie zum Henker wir in der Soziologie genannt werden. Wir hören uns an, wie unsere Großeltern, wenn es um… ja, eigentlich um alles geht.

Früher war alles besser

Ich habe vor einiger Zeit festgestellt, dass ich mir mit dieser Einstellung eigentlich nur selber im Weg stehe. Anstatt Neues mit freiem Kopf zu betrachten, mussten sich aktuelle Filme mit Filmerlebnissen aus meiner Kindheit messen, und unter diesem Gesichtspunkt verliert einfach jeder Film. Er muss sich schließlich nicht nur inhaltlich vergleichen lassen, sondern mit dem ganzen Sammelsurium an Emotionen und Erinnerungen, die ich an das geknüpft habe, das ich vielleicht mit zehn Jahren gesehen habe.

Als extremstes Beispiel fällt mir dazu Tim Burtons Batman ein. Jahrelang war das für mich der beste Batman-Film überhaupt, und als ich zum ersten Mal Heath Ledger als Joker in The Dark Knight gesehen habe, habe ich ernsthaft überlegt, ob ich jetzt ihn oder Jack Nicholson in der Rolle besser finde… bis ich mir die 1989er Version nochmal angesehen habe. Vielleicht bin das auch nur ich, aber der Film ist, und nicht nur gemessen an heutigen Standards, nahezu unguckbar. Schauspielerisch größtenteils ein Witz, die Dialoge sind lachhaft, die Kämpfe grauenvoll choreographiert und im Grunde fühlt sich nichts mehr wirklich nach Batman an. Und trotz allem kann und will ich ihn nicht schlecht finden. Gut, verglichen mit den Joel-Schumacher-Filmen natürlich zudem immer noch ein absolutes Meisterwerk, aber ich denke, dass die Filmreihe spätestens durch Batman und Robin dann 1997 für tot erklärt wurden, ist Strafe genug, da muss ich jetzt nicht auch noch drauf rumhacken. Am Ende kann meiner Meinung nach keiner der alten Teile Batman Begins von 2005 das Wasser reichen.

Früher war mehr Liebe drin

Dasselbe gilt für Videospiele. Dass jetzt Legend Of Zelda – A Link To The Past von 1991 immer noch eins meiner absoluten Lieblingsspiele ist, bedeutet noch lange nicht, dass heute keine großartigen Spiele mehr produziert werden. Bestes Beispiel für mich ist hierfür das 2015 erschienene Witcher 3, bei dem ich mir ein ganzes Jahr nach Erscheinen noch immer nicht erklären kann, wie dieses Spiel überhaupt möglich ist, grafisch wie inhaltlich. Ganze 24 Jahre liegen zwischen den beiden Spielen. Hier haben wir also zwei Titel, die zum jeweiligen Release für ihre unglaubliche Liebe zum Detail gelobt wurden, sowohl in Bezug auf die Geschichte, als auch auf die gesamte Präsentation. Und das ist bei weitem nicht das einzige aktuelle Beispiel, das mir zu dem Thema einfallen würde.

Allerdings treibt das allgegenwärtige Überangebot die Käufer offensichtlich in ein Gefühl permanenter Unzufriedenheit. Während ich in den 90ern über Wochen und Monate mit einem einzigen Spiel verbracht habe, es wieder und wieder spielen konnte, ohne mich zu langweilen, verliere ich mittlerweile oft schon nach wenigen Stunden die Lust. Ein Spiel muss einfach alles haben, damit ich dran bleibe. Story, Gameplay, Musik, Grafik, alles muss stimmen. Schließlich ist ja auch alles so extrem teuer geworden!

Früher war alles billiger

Ja, die Quengelei reißt nicht ab. Irgendwie zieht sich die Waschlappenmentalität der heutigen Konsumenten wie ein roter Faden durch Bewertungsplattformen und Kommentarsektionen der Onlineshops. Gerade rege ich mich über den tausendeinundachtzigsten Eintrag auf Amazon auf, in welchem sich ein Kunde über die „horrenden“ Preise, in diesem Fall für einen PS4-Titel, beschwert. Dieser kostet nämlich satte 69,99 Euro. Ja, so eine Sauerei.

„Wir müssen den großen Publishern zeigen, dass wir nicht mehr mitspielen“, liest man dann. „Die werden immer weiter machen, und ehe wir uns versehen, kostet ein Spiel 150 Euro.“

Ja genau, man überlege mal, 70 Euro für ein Videospiel! Das habe ich aber früher nicht bezahlt! Ich weiß noch ganz genau, als ich, damals im Jahr 1990, Secret of Monkey Island auf vier Disketten für meinen Amiga 500 kaufen wollte und es nur 120 MARK kostete! Quasi geschenkt! Oder 1993, als NBA Jam für das Super Nintendo zum Freundschaftspreis von nur 159,99 DM erschien. Ja, das waren die guten alten Zeiten… Is‘ Quatsch, merkste selber, ne?

Und diese Beträge sind nicht einmal inflationsbereinigt. Genau genommen sind Medien billiger geworden. Auch für neu erschienene Alben auf Vinyl oder CD bezahlte man, wie übrigens auch für neue Filme auf VHS im Normalfall, etwa 40 DM. Und die einzige Alternative dazu hieß Second-Hand-Shop bzw. Videothek oder Flohmarkt. Nix mit Ebay, Amazon, Steam Sales oder reBuy. Und für Tauschbörsen musste man das Haus verlassen, man stelle sich das mal vor!

Heute warte ich nach Erscheinungsdatum zwei Monate, und kaufe DVDs, CDs oder Platten gebraucht online, oder importiere sie einfach direkt günstiger aus dem Ausland. Das Internet hat natürlich seine diversen Schattenseiten, aber gerade in Bezug auf Preise im Einzelhandel, und gerade bei Filmen, DVDs und Spielen kann ich Beschwerden über Preise einfach nicht nachvollziehen. Eigentlich kann ich Beschwerden gerade bei Entertainmentprodukten überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Natürlich kann man sich über Geschmack nicht streiten, aber wurden Musikalben früher wirklich mit mehr Liebe produziert als heute, oder Filme?

Alles schreit nach der Qualität von früher, und wenn der Markt auf das Geheule der Massen versucht zu reagieren, ist es auch wieder nicht in Ordnung, dann fehlt plötzlich allen die Innovation, das Neue. Und übrigens, an Star Wars Episode VII sind wir selber schuld.

Mimimimimi!

„Ich will das alte Star-Wars-Feeling zurück!“, keine Ahnung, wie oft ich diesen Satz gehört habe.

„Hier!“, sagt J.J. Abrahams und dreht den siebten Kinofilm der Reihe als Sequel, Remake und Reboot zugleich. Hut ab, das muss man erstmal hinbekommen. Hat’s gefallen? Mir schon, und laut Kinoumsätzen und Rezensionen sowie einer aktuell soliden 8.3 auf imdb.com kann man das wohl sagen, aber in Fankreisen macht sich direkt wieder Unmut breit. „War ja im Grunde dasselbe wie Episode IV“. „Schon wieder ein Todesstern? Können die sich nicht mal was Neues einfallen lassen?“

Ja, was denn jetzt?! Seid doch froh, dass es heutzutage überhaupt so ein großes Angebot an allem gibt, was die Nerdgemeinde zum Glücklichsein braucht. Aber wenn etwas nicht gefällt, wird nicht einfach umgeschaltet, es wird trotzdem geguckt, gekauft und sich dann drüber beschwert. Jetzt erscheint für unbestimmte Zeit jedes Jahr ein neuer Krieg-der-Sterne-Film, im Endeffekt wie früher bei Disneys jährlichen Trickfilmen zu Weihnachten… Ach ja, Disney, da war ja was. Ist aber trotzdem blöd, jetzt wird das Franchise „ausgeschlachtet“ und die Kinogänger „völlig überreizt“. *Seufz* Versteht das irgendwer?

Han Shot.

Bleiben wir noch kurz bei Star Wars, denn hier bietet sich ein großartiges Beispiel für ein für mich nicht nachvollziehbares Konsumverhalten. Kein Mensch, den ich kenne, zieht die Special Edition der alten Star Wars Trilogie (1977 – 1983) dem Original vor. Um es deutlicher zu sagen, die meisten empfinden die Tatsache, dass man nur die Version mit den überarbeiteten Effekten auf DVD und Blu-Ray bekommt, als eine absolute Schweinerei. Laut George Lucas, der immer noch auf den Rechten der nicht überarbeiteten Filme sitzt, ist die ursprüngliche Fassung, die alle bis Mitte der 90er ca. einhundert Mal gesehen haben, nämlich nicht die Version, die er sich gewünscht hat. Das Re-Release mit neuen Effekten, digitalen Aliens und neuen Szenen, die niemand braucht, ist nur bedauerlicherweise das unorganischste Remaster, das ich jemals von einem Film gesehen habe. Für mich geht das Feeling der alten Filme in diesen Fassungen völlig verloren und ich weiß, vielen anderen geht es genauso wie mir.

Anstatt dass man dann aber zu seiner Meinung steht und diesen Mist einfach in den Regalen verschimmeln lässt, um Lucas so zu zeigen, dass er schleunigst mal die ursprünglichen Filme für ein Blu-Ray-Release freigeben soll, wird die Komplettbox gekauft bis der Arzt kommt. Alle beschweren sich, aber gekauft wird sie trotzdem, die Version, in der Han als zweiter schießt.

Und wo wir gerade dabei sind, nur kurz am Rande, er schoss nie als erster. Er schoss einfach. Man kann nicht als erster schießen, wenn sonst niemand schießt. Wenn ich als einziger 400 Meter laufe und am Ziel ankomme, bin ich auch nicht erster. So funktioniert das Wort „erster“ nicht, ihr lieben Träger des „Han-Shot-First“-T-Shirts, so nobel die Aussage eures zynischen Kleidungsstücks auch gemeint ist.

Damals wurde, genau wie heute, unheimlich viel Scheiße, aber auch viel Gutes produziert. Mein „Vergangenheits-Hirn“ kann das nur nicht mehr objektiv trennen. Und wenn ich heute den Kopf frei mache und ich mich so auf einen neuen Film oder ein neues Spiel einlasse, machen mir diese Dinge einfach wesentlich mehr Spaß. Klappt natürlich nicht immer, aber es wird immer besser. Und am Ende des Tages reden ja wir immer noch nur über Popkultur. 

 

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